Alle 114 Suren des Korans
Sure 55: Der Erbarmer (Ar-Raḥmān)
Sure 55 von 114, 78 Verse
Sure 55 heißt Ar-Rahman, "Der Erbarmer", und hat in der Kairoer Zählung 78 Verse. Die Überlieferung bei Tanzil führt sie als medinisch, Nöldeke und der Corpus Coranicum datieren sie in die frühe mekkanische Zeit. Kennzeichen ist ein Kehrvers, der 31 Mal wiederkehrt, meist in der Form "Und welche der Wohltaten eures Herrn wollt ihr beide wohl leugnen?".
1 Der Erbarmer
2 Lehrte den Koran. (Flügel 1)
3 Er erschuf den Menschen, (Flügel 2)
4 Er lehrte ihn deutliche Sprache. (Flügel 3)
5 Die Sonne und der Mond sind Gesetzen unterworfen, (Flügel 4)
6 Und die Sterne und Bäume werfen sich anbetend nieder. (Flügel 5)
7 Und der Himmel, er hat ihn erhöht und die Waage aufgestellt, (Flügel 6)
8 Damit ihr in der Waage euch nicht vergeht. (Flügel 7)
9 Und wägt in Gerechtigkeit und vermindert nicht das Gewicht. (Flügel 8)
10 Und die Erde, er hat sie hingestellt für die Geschöpfe; (Flügel 9)
11 In ihr sind Früchte und Palmen mit Blütenscheiden (Flügel 10)
12 Und das Korn voll Halme und der Lebensunterhalt. (Flügel 11)
13 Und welche Wohltaten eures Herrn wollt ihr beide wohl leugnen? (Flügel 12)
14 Erschaffen hat er den Menschen aus Lehm wie ein Tongefäß; (Flügel 13)
15 Und erschaffen hat er die Dschann aus rauchlosem Feuer. (Flügel 14)
16 Und welche der Wohltaten eures Herrn wollt ihr beide wohl leugnen? (Flügel 15)
17 Der Herr der beiden Osten und der Herr der beiden Westen! (Flügel 16 bis 17)
18 Und welche der Wohltaten eures Herrn wollt ihr beide wohl leugnen?
19 Losgelassen hat er die beiden Wasser, die sich begegnen;
20 Zwischen beiden ist eine Schranke, die sie nicht überschreiten.
21 Und welche der Wohltaten eures Herrn wollt ihr beide wohl leugnen?
22 Hervor bringt er aus beiden Perlen und Korallen.
23 Und welche der Wohltaten eures Herrn wollt ihr beide wohl leugnen?
24 Und sein sind die Schiffe, die hohen im Meer, gleich Bergen.
25 Und welche der Wohltaten eures Herrn wollt ihr beide wohl leugnen?
26 Alle auf ihr sind vergänglich,
27 Aber es bleibt das Angesicht deines Herrn voll Majestät und Ehre.
28 Und welche der Wohltaten eures Herrn wollt ihr beide wohl leugnen?
29 Ihn bittet, wer in den Himmeln und auf Erden ist. Jeden Tag nimmt er ein Geschäft vor.
30 Und welche der Wohltaten eures Herrn wollt ihr beide wohl leugnen?
31 Wir werden frei sein für euch, ihr beiden Schweren.
32 Und welche der Wohltaten eures Herrn wollt ihr beide wohl leugnen?
33 O Versammlung der Dschinn und Menschen, wenn ihr imstande seid die Grenzen der Himmel und der Erde zu überschreiten, so überschreitet sie. Ihr könnt sie nur mit einer Vollmacht überschreiten.
34 Und welche der Wohltaten eures Herrn wollt ihr beide wohl leugnen?
35 Entsandt werden wird gegen euch eine Feuersflamme und Erz, und es soll euch nicht geholfen werden.
36 Und welche der Wohltaten eures Herrn wollt ihr beide wohl leugnen?
37 Und wenn der Himmel sich spaltet und rosig wird gleich rotem Leder?
38 Und welche der Wohltaten eures Herrn wollt ihr beide wohl leugnen?
39 Und an jenem Tag wird weder Mensch noch Dschann nach seiner Schuld befragt.
40 Und welche der Wohltaten eures Herrn wollt ihr beide wohl leugnen?
41 Erkannt werden die Sünder an ihren Merkzeichen, und erfasst werden sie an Stirnlocken und Füßen.
42 Und welche der Wohltaten eures Herrn wollt ihr beide wohl leugnen?
43 Dies ist Dschehannam, welche die Sünder leugneten.
44 Sie sollen zwischen ihr die Runde machen und zwischen siedendheißem Wasser.
45 Und welche der Wohltaten eures Herrn wollt ihr beide wohl leugnen?
46 Für den aber, der seines Herrn Rang gefürchtet, sind der Gärten zwei.
47 Welche von den Wohltaten eures Herrn wollt ihr beide wohl leugnen?
48 Beide (Gärten) mit Zweigen.
49 Und welche der Wohltaten eures Herrn wollt ihr beide wohl leugnen?
50 In ihnen sind zwei eilende Quellen.
51 Und welche der Wohltaten eures Herrn wollt ihr beide wohl leugnen?
52 In ihnen sind von jeder Frucht zwei Arten.
53 Und welche der Wohltaten eures Herrn wollt ihr wohl leugnen?
54 Sie sollen sich lehnen auf Betten, mit Futter aus Brokat, und die Früchte der beiden Gärten sind nahe.
55 Und welche der Wohltaten eures Herrn wollt ihr beide wohl leugnen?
56 In ihnen sind keuschblickende (Mädchen), die weder Mensch noch Dschann zuvor berührte.
57 Und welche der Wohltaten eures Herrn wollt ihr beide wohl leugnen?
58 Als wären sie Hyazinthe und Korallen.
59 Und welche der Wohltaten eures Herrn wollt ihr beide wohl leugnen?
60 Soll der Lohn des Guten anders als Gutes sein?
61 Und welche der Wohltaten eures Herrn wollt ihr beide wohl leugnen?
62 Und außer diesen beiden sind der Gärten zwei,
63 Und welche der Wohltaten eures Herrn wollt ihr beide wohl leugnen?
64 In grünem Schimmer.
65 Und welche der Wohltaten eures Herrn wollt ihr beide wohl leugnen?
66 In ihnen sind zwei reichlich sprudelnde Quellen,
67 Und welche der Wohltaten eures Herrn wollt ihr beide wohl leugnen?
68 In beiden sind Früchte und Palmen und Granatäpfel.
69 Und welche der Wohltaten eures Herrn wollt ihr beide wohl leugnen?
70 In ihnen sind gute und schöne (Mädchen).
71 Und welche der Wohltaten eures Herrn wollt ihr beide wohl leugnen?
72 Huris, verschlossen in Zelten,
73 Und welche der Wohltaten eures Herrn wollt ihr beide wohl leugnen?
74 Die weder Mensch noch Dschann zuvor berührte.
75 Und welche der Wohltaten eures Herrn wollt ihr beide wohl leugnen?
76 Sie sollen sich lehnen auf grünen Kissen und schönen Teppichen.
77 Und welche der Wohltaten eures Herrn wollt ihr beide wohl leugnen?
78 Gesegnet sei der Name deines Herrn voll Majestät und Ehre.
Text: Der Koran in der Übersetzung von Max Henning (Reclam 1901), gemeinfrei. Als Koran gilt nur das arabische Original; jede Übersetzung ist eine Deutung.
Sure 55 heißt arabisch Ar-Rahman nach dem ersten Wort, einem Namen Gottes. Max Henning übersetzt ihn 1901 mit "Der Erbarmer" [1]. Die Sure ist die 55. des Korans und hat nach der Kairoer Zählung 78 Verse [2]. Bei ihrer Herkunft gehen die Angaben auseinander. In der Überlieferung, wie sie Tanzil nach dem Gelehrten az-Zandschani wiedergibt, gilt sie als medinisch und steht an 97. Stelle der Offenbarung [3]. Henning führt sie als zu Mekka geoffenbart [1], und die gekürzte englische Fassung des Kommentars von Ibn Kathir nennt sie ebenfalls in Mekka offenbart [6]. Theodor Nöldeke zählte sie 1860 zur ersten mekkanischen Periode [4]. Nicolai Sinai ordnet sie im Kommentar des Corpus Coranicum der späten frühmekkanischen Gruppe zu [5]. Als Koran gilt nach islamischem Verständnis nur der arabische Wortlaut. Die deutsche Fassung auf dieser Seite ist eine Lesefassung nach Max Henning (1901).
Inhalt im Überblick
Ab Vers 13 wiederholt sich 31 Mal ein Kehrvers. In der Lesefassung lautet er 28 Mal "Und welche der Wohltaten eures Herrn wollt ihr beide wohl leugnen?"; in den Versen 13 und 47 ist der Wortlaut leicht anders, in Vers 53 fehlt das Wort "beide" [1].
| Verse | Inhalt |
|---|---|
| 1 bis 13 | der Erbarmer lehrt den Koran und die Sprache; Sonne, Mond, Sterne, Bäume; der Himmel und die Waage; die Erde mit Früchten und Korn |
| 14 bis 30 | der Mensch aus Lehm, die Dschann aus rauchlosem Feuer; zwei Wasser mit einer Schranke, Perlen und Korallen, Schiffe; alles vergeht außer dem Angesicht des Herrn |
| 31 bis 45 | Gericht über Dschinn und Menschen, Feuerflamme und Erz, Dschehannam und siedendes Wasser |
| 46 bis 61 | zwei Gärten für den, der seinen Herrn fürchtet: Quellen, Früchte, Polster, keuschblickende Gefährtinnen |
| 62 bis 78 | zwei weitere Gärten in grünem Schimmer, Huris in Zelten; Lobpreis des Namens |
Die Sure endet: "Gesegnet sei der Name deines Herrn voll Majestät und Ehre." (Sure 55,78) [1]
Wie die Sure verstanden wird
Gedeutet werden vor allem die Anrede "ihr beide" und die Bilder der Paradiesgärten.
Klassische Auslegung
Ibn Kathir versteht die beiden Angeredeten des Kehrverses als Menschen und Dschinn [6]. Er führt einen Bericht des Dschabir an, den at-Tirmidhi als selten (gharib) einstuft: Der Prophet habe die Sure in der "Nacht der Dschinn" vorgetragen, und bei jedem Kehrvers hätten die Dschinn geantwortet, sie leugneten keine der Wohltaten ihres Herrn [6]. Nach dem Islam-Lexikon der Bundeszentrale für politische Bildung stammen die Dschinn aus der vorislamischen Vorstellungswelt; der Koran gibt ihnen einen Platz zwischen Menschen und Engeln [8].
Heutige muslimische Theologie
Mouhanad Khorchide von der Universität Münster macht die Barmherzigkeit Gottes zum Schlüssel seiner Theologie. Nach der Vorstellung seines Buches "Islam ist Barmherzigkeit" (2012) beschreibt der Koran Gott am häufigsten als barmherzig [7]. Die Schilderungen von Paradies und Hölle als Orte materieller Freude und Strafe deutet Khorchide geschichtlich: Sie sollten die Bewohner der Wüste dort abholen, wo sie waren, und waren in der frühen mekkanischen Zeit ein pädagogisches Mittel [7]. Gottfried Hagen schreibt im Islam-Lexikon der bpb, dass Paradies und Hölle schon seit dem Mittelalter zunehmend geistig oder sinnbildlich verstanden werden und diese Neigung sich in der Moderne verstärkt [9].
Islamwissenschaft
Sinai sieht im Kehrvers das bestimmende Merkmal der Sure; frühmekkanisch gebe es einen Kehrvers sonst nur in Sure 77 [5]. Mit Angelika Neuwirth beschreibt er eine Fülle paariger Bilder: Menschen und Dschinn, Salz- und Süßwasser, Perlen und Korallen, je zwei Gärten [5]. Nöldeke und Schwally hielten die Verse 8 und 9 für einen späteren Einschub; Neuwirth widerspricht, weil sie dem Zusammenhang von Schöpfung und Ethik im Koran entsprächen [5]. Schon Hirschfeld und Speyer verglichen die Sure mit Psalm 136, der einen ähnlichen Kehrvers hat. Neuwirth versteht sie als bewusste Überbietung dieses Psalms; anders als der Psalm endet die Sure mit Hölle und Paradies statt mit der Geschichte Israels [5].
Mehr dazu findest du auf den Seiten Engel und Dschinn im Koran, Tod, Gericht und Jenseits im Koran und Mekkanische und medinensische Suren. Die Sure davor ist Sure 54, Der Mond, danach folgt Sure 56, Die Eintreffende.
- Der Koran. Max Henning (Übers.), Reclam jun., Leipzig. Stand ohne Datum (Ausgabe 1901). abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Quran Metadata (ver 1.0). Tanzil. Stand 2009. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Revelation Order. Tanzil. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Geschichte des Qorâns, Inhaltsverzeichnis (erste Periode, S. 59 bis 89). Theodor Nöldeke, Dieterich, Göttingen. Stand 1860. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Sure 55 ar-Raḥmān: Chronologisch-literaturwissenschaftlicher Kommentar zum Koran. Nicolai Sinai, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (Corpus Coranicum). Stand Betaversion, ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Ibn Kathir (Abridged) Tafsir: Ar-Rahman Ayah 13. Quran.com. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Barmherzigkeit ist der Selbstanspruch des Korans. Universität Münster, Exzellenzcluster Religion und Politik. Stand 01.12.2012. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde Dschinn. Bundeszentrale für politische Bildung, Kleines Islam-Lexikon (Katharina Boehm). Stand 6. Auflage 2018. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde Hölle und Paradies. Bundeszentrale für politische Bildung, Kleines Islam-Lexikon (Gottfried Hagen). Stand 6. Auflage 2018. abgerufen am 29.10.2026
Zuletzt geprüft am 30.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.