Sure 55

Der Allerbarmer

Ar-Raḥmān

Verse: 78 Offenbart in: Mekka Zeit: frühmekkanisch

Worum geht's?

Die wohl klangschönste und formal eindrucksvollste Sure des Korans. Sie kreist um einen Refrain, der 31-mal wiederholt wird: „Welche der Wohltaten eures Herrn wollt ihr beide leugnen?" Adressaten sind dabei zwei – nicht „ihr alle", sondern „ihr beide" – meist verstanden als Menschen und Dschinn.

Der Text – Vers für Vers

In moderner Sprache paraphrasiert nach Max Henning (1901).

  1. 1Der Allerbarmer
  2. 2hat den Koran gelehrt.
  3. 3Er hat den Menschen erschaffen,
  4. 4er hat ihn die deutliche Rede gelehrt.
  5. 5Die Sonne und der Mond folgen einer Berechnung.
  6. 6Sterne und Bäume werfen sich nieder.
  7. 7Er hat den Himmel erhöht und die Waage gesetzt,
  8. 8damit ihr in der Waage nicht übertretet.
  9. 9Und richtet das Gewicht aufrecht ein und kürzt die Waage nicht.
  10. 10Und die Erde hat er für die Geschöpfe niedergelegt.
  11. 11Auf ihr sind Früchte und Palmen mit Hüllen,
  12. 12und Korn mit Spreu und duftende Pflanzen.
  13. 13Welche der Wohltaten eures Herrn wollt ihr beide leugnen?
  14. 14Er hat den Menschen aus tönender Erde wie Töpfertonerde erschaffen,
  15. 15und die Dschinn aus rauchloser Flamme.
  16. 16Welche der Wohltaten eures Herrn wollt ihr beide leugnen?
  17. 17Der Herr der beiden Osten und der Herr der beiden Westen.
  18. 18Welche der Wohltaten eures Herrn wollt ihr beide leugnen?
  19. 19Er hat zwei Meere fließen lassen, die einander begegnen.
  20. 20Zwischen ihnen ist eine Trennlinie, die sie nicht überschreiten.
  21. 21Welche der Wohltaten eures Herrn wollt ihr beide leugnen?
  22. 22Aus beiden kommen Perlen und Korallen hervor.
  23. 23Welche der Wohltaten eures Herrn wollt ihr beide leugnen?
  24. 24Ihm gehören die Schiffe, die im Meer fahren, wie Berge.
  25. 25Welche der Wohltaten eures Herrn wollt ihr beide leugnen?
  26. 26Alle, die auf ihr sind, vergehen.
  27. 27Aber das Antlitz deines Herrn bleibt, das majestätische und ehrenvolle.
  28. 28Welche der Wohltaten eures Herrn wollt ihr beide leugnen?
  29. 29Es bitten ihn die in den Himmeln und auf der Erde. Jeden Tag ist er mit einer neuen Sache befasst.
  30. 30Welche der Wohltaten eures Herrn wollt ihr beide leugnen?
  31. 31Wir werden uns euch zuwenden, ihr zwei Gruppen.
  32. 32Welche der Wohltaten eures Herrn wollt ihr beide leugnen?
  33. 33Ihr beide Gruppen von Dschinn und Menschen! Wenn ihr aus den Regionen der Himmel und der Erde hinausdringen könnt, dann tut es. Aber ihr werdet nur mit einer Vollmacht hinausdringen.
  34. 34Welche der Wohltaten eures Herrn wollt ihr beide leugnen?
  35. 35Über euch beide werden Feuerflammen und Kupferrauch geschickt, und ihr werdet euch nicht helfen können.
  36. 36Welche der Wohltaten eures Herrn wollt ihr beide leugnen?
  37. 37Wenn der Himmel sich spaltet und wie geschmolzenes Erz wird, rot wie Rosenöl –
  38. 38welche der Wohltaten eures Herrn wollt ihr beide leugnen?
  39. 39An jenem Tag wird weder Mensch noch Dschinn nach seinen Sünden gefragt.
  40. 40Welche der Wohltaten eures Herrn wollt ihr beide leugnen?
  41. 41Die Frevler werden an ihrem Aussehen erkannt. Sie werden an Stirnschöpfen und Füßen gepackt.
  42. 42Welche der Wohltaten eures Herrn wollt ihr beide leugnen?
  43. 43Dies ist die Hölle, die die Frevler für eine Lüge erklärten.
  44. 44Sie kreisen zwischen ihr und kochend heißem Wasser.
  45. 45Welche der Wohltaten eures Herrn wollt ihr beide leugnen?
  46. 46Für den, der vor dem Stand vor seinem Herrn Furcht hatte, gibt es zwei Gärten.
  47. 47Welche der Wohltaten eures Herrn wollt ihr beide leugnen?
  48. 48Beide mit Zweigen voller Blätter.
  49. 49Welche der Wohltaten eures Herrn wollt ihr beide leugnen?
  50. 50Darin fließen zwei Quellen.
  51. 51Welche der Wohltaten eures Herrn wollt ihr beide leugnen?
  52. 52Darin sind von jeder Frucht zwei Paare.
  53. 53Welche der Wohltaten eures Herrn wollt ihr beide leugnen?
  54. 54Auf Lagern, deren Innenseite aus Brokat ist, zurückgelehnt. Die Ernte der beiden Gärten ist nahe.
  55. 55Welche der Wohltaten eures Herrn wollt ihr beide leugnen?
  56. 56Darin sind Frauen mit gesenktem Blick. Weder Mensch noch Dschinn hat sie vor ihnen berührt.
  57. 57Welche der Wohltaten eures Herrn wollt ihr beide leugnen?
  58. 58Als wären sie Hyazinth und Koralle.
  59. 59Welche der Wohltaten eures Herrn wollt ihr beide leugnen?
  60. 60Ist die Belohnung des Guten denn etwas anderes als das Gute?
  61. 61Welche der Wohltaten eures Herrn wollt ihr beide leugnen?
  62. 62Und unter den beiden gibt es zwei weitere Gärten.
  63. 63Welche der Wohltaten eures Herrn wollt ihr beide leugnen?
  64. 64Dunkelgrüne.
  65. 65Welche der Wohltaten eures Herrn wollt ihr beide leugnen?
  66. 66Darin sind zwei sprudelnde Quellen.
  67. 67Welche der Wohltaten eures Herrn wollt ihr beide leugnen?
  68. 68Darin sind Früchte und Dattelpalmen und Granatapfelbäume.
  69. 69Welche der Wohltaten eures Herrn wollt ihr beide leugnen?
  70. 70Darin sind gute, schöne Wesen.
  71. 71Welche der Wohltaten eures Herrn wollt ihr beide leugnen?
  72. 72Mit großen Augen, in Pavillons verborgen.
  73. 73Welche der Wohltaten eures Herrn wollt ihr beide leugnen?
  74. 74Weder Mensch noch Dschinn hat sie vor ihnen berührt.
  75. 75Welche der Wohltaten eures Herrn wollt ihr beide leugnen?
  76. 76Auf grünen Polstern und schönen Teppichen zurückgelehnt.
  77. 77Welche der Wohltaten eures Herrn wollt ihr beide leugnen?
  78. 78Gesegnet ist der Name deines Herrn, des Majestätischen und Ehrenwerten.

Einordnung & Bedeutung

Eine Sure wie ein Lied

Sure 55 ist im arabischen Original eine der formvollendetsten Texte der Weltliteratur. Sie ist gebaut wie ein Hymnus mit Refrain: 31-mal wiederholt sich der Satz „Welche der Wohltaten eures Herrn wollt ihr beide leugnen?" – arabisch fa-bi-aiyi ālāʾi rabbi-kumā tukadhdhibān.

Diese Wiederholung ist im Vortrag hypnotisch. Sie schiebt den Hörer von Wohltat zu Wohltat, jedes Mal mit derselben provokanten Frage konfrontiert: Welche von diesen willst du eigentlich leugnen?

Mohammed selbst soll diese Sure besonders geschätzt haben. Eine Hadith-Überlieferung lässt ihn sagen: „Alles hat seine Braut – die Braut des Korans ist die Sure ar-Raḥmān."

Der Allerbarmer

Die Sure beginnt nicht mit „Im Namen Gottes" als Beginn, sondern direkt mit dem Gottesnamen: „Der Allerbarmer". Diese Eröffnung ist programmatisch. Die ganze Sure dreht sich um die Barmherzigkeit Gottes – sie wird in den Wohltaten der Schöpfung sichtbar.

Im 7. Jahrhundert war der Name ar-Raḥmān noch nicht selbstverständlich für Gott. Mohammed wurde dafür sogar verspottet – die Mekkaner fragten: „Wer ist denn dieser ‚Allerbarmer'?". Es war eine seiner umstrittenen Innovationen, Gott als Inbegriff der Barmherzigkeit zu benennen.

Die Wohltaten

Die Sure listet eine ganze Reihe von Wohltaten auf, jeweils gefolgt vom Refrain. Eine Auswahl:

  • Der Koran gelehrt (Vers 2)
  • Den Menschen die Rede gegeben (Vers 4)
  • Sonne und Mond geordnet (Vers 5)
  • Den Himmel erhöht und die Waage gesetzt (Vers 7)
  • Die Erde für die Geschöpfe niedergelegt (Vers 10)
  • Zwei Meere getrennt nebeneinander fließen lassen (Vers 19)
  • Perlen und Korallen erzeugt (Vers 22)
  • Schiffe das Meer befahren lassen (Vers 24)

Diese Vielfalt ist methodisch: Die Wohltaten sind nicht alle der gleichen Art. Manche sind kosmisch (Himmel, Sonne), manche alltäglich (Brot, Wasser), manche sprachlich (Rede), manche moralisch (Waage als Maßstab). Es gibt keine Sphäre des Lebens, die keine Wohltat enthielte.

Die Waage als Symbol

Verse 7–9 sind eine bemerkenswerte ethische Stelle: „Er hat den Himmel erhöht und die Waage gesetzt, damit ihr in der Waage nicht übertretet."

Hier wird ein klarer Bezug hergestellt zwischen kosmischer Ordnung (die Waage als physikalisches Gerät, das im 7. Jahrhundert genau geeicht sein musste) und moralischer Ordnung (gerechtes Maß). Wer im Markt falsch wiegt (siehe auch Sure 83), bricht eine Ordnung, die mit der Ordnung des Himmels verwandt ist.

Die zwei Meere

Vers 19 nennt das Bild zweier Meere, die einander begegnen, ohne sich zu vermischen. Klassische Auslegung: Süßwasser und Salzwasser. Wo ein Fluss ins Meer mündet, treffen sich beide, aber sie behalten – zumindest in einer Übergangszone – ihre Eigenschaften.

Moderne Lesarten weisen auf das Phänomen der Halokline hin: An manchen Stellen der Weltmeere (etwa der Mündung des Amazonas, dem Übergang von Mittelmeer zu Atlantik bei Gibraltar) treffen Wassermassen verschiedener Salinität und Temperatur aufeinander und bleiben über lange Strecken getrennt sichtbar. Apologetisch wird das oft als „wissenschaftliches Wunder" gelesen; zurückhaltende Lesarten verweisen darauf, dass das Phänomen Seeleuten und Küstenbewohnern immer schon vertraut war.

Das Vergehen aller Dinge

Verse 26–27 sind philosophisch zentral: „Alle, die auf ihr sind, vergehen. Aber das Antlitz deines Herrn bleibt, das majestätische und ehrenvolle."

Das ist eine zentrale koranische Setzung. Nichts in der Welt ist beständig. Auch Berge, auch Sterne, auch das Leben selbst – alles ist vergänglich. Nur eines bleibt: das „Antlitz" (wadschh) Gottes. Das arabische Wort meint hier nicht ein physisches Gesicht, sondern die Wesenheit, das Dasein, das Wesen.

Diese Stelle wurde im Sufismus zu einem zentralen Ausgangspunkt für die Erkenntnis, dass nur Gott letztlich „ist". Alles andere ist – im Vergleich – ein flüchtiges Aufscheinen.

„Jeden Tag eine neue Sache"

Vers 29 ist eine erstaunliche Aussage: „Jeden Tag ist er mit einer neuen Sache befasst." – arabisch kulla yaumin huwa fī schaʾn.

Das ist ein bemerkenswertes Gottesbild. Gott ist nicht ein ferner Aristoteles-Gott, der das Universum einmal in Gang gesetzt hat und dann nur noch zuschaut. Er ist permanent tätig. Jeden Tag etwas Neues. Die Welt ist nicht eine fertige Maschine, sondern ein laufender Akt.

Die Paradies-Beschreibung

Verse 46–76 zeichnen die ausführlichste Paradiesbeschreibung des Korans. Bemerkenswert: Es werden zwei Gartenebenen genannt – die ersten beiden Gärten (Verse 46–61) und „darunter zwei weitere Gärten" (Verse 62–76). Klassische Auslegungen verstehen das als unterschiedliche Belohnungsstufen für unterschiedliche Frömmigkeitsgrade.

Die Bilder sind sinnlich: Quellen, Früchte, Polster, Brokat, Gefährtinnen. Wer den Wüstenkontext der Sure ernst nimmt, versteht: Hier wird kompensiert, was die arabische Realität versagt. Wasser, Schatten, Frucht, Komfort – alles im Überfluss.

Über die paradiesischen Gefährtinnen wurde viel diskutiert. Vers 56 sagt: „Darin sind Frauen mit gesenktem Blick. Weder Mensch noch Dschinn hat sie vor ihnen berührt." Konservative Lesarten verstehen das als physische Paradies-Belohnung. Moderne, etwa von Asma Lamrabet und anderen muslimischen Theologinnen, weisen darauf hin, dass das Bild der „gesenkten Blicke" eher Höflichkeit und Treue beschreibt als sexuelle Verfügbarkeit – es ist ein Bild für aufmerksame, treue Begleitung.

Die rhetorische Frage

Vers 60 ist einer der prägnantesten Sätze des Korans: „Ist die Belohnung des Guten denn etwas anderes als das Gute?"

Das ist eine Grundsetzung göttlicher Gerechtigkeit. Wer Gutes tut, wird mit Gutem belohnt – nicht mit etwas anderem. Die Belohnung ist nicht ein willkürliches Geschenk, sondern eine logische Folge.

Wie wird die Sure verstanden?

Sure 55 ist im islamischen Selbstverständnis die schönste Sure. Sie wird oft bei feierlichen Anlässen rezitiert – Hochzeiten, Beerdigungen, Geburten. Ihre Schönheit liegt in der Verbindung aus klanglicher Wucht (der Refrain) und inhaltlicher Tiefe (die ganze Welt als Wohltat).

Die zentrale Botschaft: Die Welt ist nicht neutral, sie ist ein Geschenk. Wer das verstanden hat, kann nicht mehr undankbar sein – und wer undankbar ist, hat das Wesentliche nicht verstanden.

Schlüsselbegriffe kurz erklärt

  • Der Allerbarmer (ar-Raḥmān) – einer der wichtigsten Gottesnamen des Korans – im 7. Jahrhundert eine umstrittene Neuerung Mohammeds
  • Welche der Wohltaten ... leugnen? – der 31-mal wiederholte Refrain – die formal eindrucksvollste Refrain-Struktur des Korans
  • Ihr beide (-kumā) – das ungewöhnliche Dual – die Sure spricht zu Menschen und Dschinn gemeinsam
  • Tönende Erde (ṣalṣāl) – arabisches Wort für getrocknete, klingende Tonerde – das Schöpfungsmaterial des Menschen
  • Zwei Meere (al-baḥrān) – das Bild zweier nebeneinander fließender Meere – Süß- und Salzwasser; modern manchmal mit Halokline-Phänomen verbunden
  • Das Antlitz Gottes (wadschh Allāh) – das Wesen, die Realität Gottes – nicht physisch zu lesen; im Sufismus zentral