Sure 68
Die Feder
Al-Qalam
Worum geht's?
Nach klassischer Überlieferung die zweite Sure, die Mohammed offenbart wurde – nach den ersten fünf Versen von Sure 96. Sie beginnt mit einem Schwur „bei der Feder und dem, was sie aufschreibt" – einer der wenigen Erwähnungen des Schreibwerkzeugs im Koran. Mitten in der Sure: eine Parabel über einen Garten, dessen Besitzer sich um die Almosen drücken – eine bemerkenswerte Sozialethik in narrativer Form.
Der Text – Vers für Vers
In moderner Sprache paraphrasiert nach Max Henning (1901).
- 1Nūn. Bei der Feder und dem, was sie aufschreibt!
- 2Du bist – durch die Gnade deines Herrn – kein Wahnsinniger.
- 3Dein Lohn ist ohne Ende.
- 4Wahrlich, du hast einen großartigen Charakter.
- 5Du wirst sehen, und sie werden sehen,
- 6wer von euch in Versuchung geraten ist.
- 7Wahrlich, dein Herr weiß am besten, wer von seinem Weg abirrt, und er weiß am besten, wer rechtgeleitet ist.
- 8Gehorche nicht den Lügnern.
- 9Sie wünschen sich, dass du nachgibst, dann würden sie auch nachgeben.
- 10Gehorche keinem niederträchtigen Schwörer,
- 11Verleumder, der mit Klatsch umhergeht,
- 12Verweigerer des Guten, Übertreter, Sünder,
- 13Grobian, danach noch unehelich.
- 14Weil er Vermögen und Söhne hat,
- 15und wenn ihm unsere Zeichen vorgetragen werden, sagt er: Märchen der Früheren!
- 16Wir werden ihn auf der Schnauze brandmarken.
- 17Wahrlich, wir haben sie geprüft, wie wir die Leute des Gartens prüften, als sie schwuren, sie würden seine Früchte am Morgen pflücken,
- 18und keinen Vorbehalt machten.
- 19Da ging ein Umfasser von deinem Herrn darüber, während sie schliefen,
- 20und der Garten war wie abgeerntet.
- 21Am Morgen riefen sie einander zu:
- 22Geht früh zu eurem Feld, wenn ihr Erntehelfer seid!
- 23Sie machten sich auf den Weg und sprachen leise miteinander:
- 24Heute soll uns kein Bedürftiger betreten!
- 25Sie zogen entschlossen los, in der Annahme, mächtig zu sein.
- 26Als sie ihn sahen, sagten sie: Wahrlich, wir sind in die Irre gegangen.
- 27Nein! Wir sind beraubt!
- 28Der maßvollste unter ihnen sagte: Habe ich euch nicht gesagt: Warum preist ihr Gott nicht?
- 29Sie sagten: Gepriesen sei unser Herr! Wahrlich, wir waren Frevler.
- 30Sie wandten sich einander zu und tadelten sich:
- 31Sagten sie: Wehe uns! Wahrlich, wir waren Übertreter.
- 32Vielleicht gibt uns unser Herr Besseres als ihn dafür. Wir richten unser Verlangen auf unseren Herrn.
- 33So ist die Strafe. Aber die Strafe des Jenseits ist gewaltiger – wenn sie es nur wüssten!
- 34Wahrlich, für die Gottesfürchtigen gibt es bei ihrem Herrn Gärten der Wonne.
- 35Sollen wir die, die sich Gott unterwerfen, etwa wie die Sünder behandeln?
- 36Was ist mit euch? Wie urteilt ihr?
- 37Oder habt ihr ein Buch, in dem ihr studiert?
- 38In dem ihr habt, was ihr euch wünscht?
- 39Oder habt ihr von uns bindende Eide, die bis zum Tag der Auferstehung gelten, dass ihr habt, was ihr beurteilt?
- 40Frage sie, wer von ihnen dafür bürgt?
- 41Oder haben sie Teilhaber? Dann sollen sie ihre Teilhaber bringen, wenn sie wahrhaftig sind.
- 42An dem Tag, an dem die Beine entblößt werden, sie zur Niederwerfung gerufen werden, sie aber nicht können –
- 43ihre Blicke werden niedergeschlagen, Demütigung wird sie bedecken, denn sie wurden zur Niederwerfung gerufen, als sie noch wohlauf waren.
- 44So lass mich allein mit dem, der diese Mitteilung für eine Lüge erklärt! Wir werden sie Schritt für Schritt herankommen lassen, ohne dass sie es wissen.
- 45Ich gebe ihnen Aufschub. Wahrlich, meine List ist fest.
- 46Oder verlangst du von ihnen Lohn, so dass sie sich überlastet fühlen?
- 47Oder ist bei ihnen das Verborgene, sodass sie es niederschreiben?
- 48So sei geduldig mit der Entscheidung deines Herrn und sei nicht wie der Mann in dem Fisch, der in Verzweiflung rief.
- 49Hätte ihn nicht eine Gnade seines Herrn erreicht, wäre er an einem öden Strand geworfen worden und tadelnswert.
- 50Aber sein Herr erwählte ihn und machte ihn zu einem der Rechtschaffenen.
- 51Die Ungläubigen sind nahe daran, dich mit ihren Blicken auszurutschen, wenn sie die Ermahnung hören. Sie sagen: Wahrlich, er ist verrückt!
- 52Aber er ist nur eine Ermahnung für die Welten.
Einordnung & Bedeutung
Der mysteriöse Anfangsbuchstabe
Die Sure beginnt mit dem isolierten Buchstaben Nūn – einem der sogenannten „mysteriösen Buchstaben" (al-ḥurūf al-muqaṭṭaʿa), die am Anfang von 29 Suren stehen. Insgesamt 14 verschiedene Buchstabenkombinationen kommen vor.
Was sie bedeuten, ist seit 1400 Jahren umstritten. Einige Theorien:
- Abkürzungen: für Namen Gottes oder andere theologische Begriffe.
- Hinweis auf das Wundercharakter: Der Koran besteht aus den gleichen Buchstaben wie alles andere Arabische – aber niemand kann ihn nachmachen.
- Phonetische Eröffnung: Eine Art Aufmerksamkeit-Erzeuger, der die Zuhörer einstimmt.
- Verlorenes Geheimnis: Die ursprüngliche Bedeutung ist nicht mehr zu rekonstruieren.
Vorsichtige Religionswissenschaftler ziehen die letzte Position vor: Wir wissen es nicht. Die klassischen Tafsīr-Werke geben oft auch nur zu, dass „Gott am besten weiß" (Allāhu aʿlam), was gemeint ist.
„Bei der Feder!"
Vers 1 enthält einen seltenen Schwur: „bei der Feder und dem, was sie aufschreibt." Die Feder (al-qalam) ist im Koran ein wichtiges Symbol. Sie kommt schon in Sure 96,4 vor: „der den Gebrauch des Schreibrohrs gelehrt hat".
Was die Schreibkunst im 7. Jahrhundert bedeutet hat, ist heute schwer vorstellbar. Schreiben war eine Spezialfertigkeit. Die meisten Menschen, auch wohlhabende, konnten nicht schreiben – die Information wurde mündlich weitergegeben. Wer die Feder beherrschte, hatte Zugang zu einer langfristigen Bewahrung des Wissens, die anderen verschlossen blieb.
Der Koran schwört bei diesem Werkzeug – und macht damit eine starke Aussage über die Bedeutung von Schrift und Wissen. Der Islam ist von Beginn an eine schreibende Religion.
Verteidigung Mohammeds
Verse 2–7 verteidigen Mohammed gegen den Vorwurf, er sei madschnūn – „besessen, wahnsinnig". Dieser Vorwurf war einer der häufigsten gegen Mohammed. Im altarabischen Verständnis waren Dichter und Wahrsager oft als „besessen" gedacht – also von Dschinn inspiriert. Wer dem Mohammed dieses Etikett anhängte, wollte ihn in die Reihe der zwielichtigen Inspirationsempfänger einreihen.
Vers 4 ist berühmt: „Wahrlich, du hast einen großartigen Charakter." Das arabische chuluqin ʿaẓīm bedeutet wörtlich „eine gewaltige Charaktereigenschaft". Diese Stelle wird in der islamischen Mohammed-Verehrung viel zitiert. Sie macht Mohammed nicht zum sündlosen Heiligen, aber zu einer Person von außergewöhnlicher ethischer Substanz.
Das Porträt eines Gegners
Verse 10–16 zeichnen das vernichtende Porträt eines Mohammed-Gegners. Klassische Auslegungen identifizieren ihn meist mit al-Walīd ibn al-Mughīra (siehe auch Sure 74) oder al-Achnas ibn Schurayq. Die Liste der Eigenschaften ist drastisch:
- niederträchtiger Schwörer
- Verleumder, der mit Klatsch umhergeht
- Verweigerer des Guten
- Übertreter, Sünder
- Grobian
- danach noch zanīm – wörtlich „angeschlossen", oft als „unehelich" verstanden
Die letzte Bezeichnung ist die schärfste. Zanīm bedeutet eigentlich „der einem Stamm Angeschlossene", also jemand, der durch Aufnahme zum Stamm gehört, nicht durch Geburt. Im Kontext der vorislamischen Stammesgesellschaft war das eine schwere Beleidigung – sie zielte auf die soziale Stellung, vielleicht auch auf zweifelhafte Abstammung.
Vers 16 droht: „Wir werden ihn auf der Schnauze brandmarken." Das ist im Arabischen sehr scharf – nicht „auf das Gesicht", sondern wörtlich „auf den Rüssel" (al-churṭūm), eine Tierbezeichnung. Eine bewusste Erniedrigung.
Die Garten-Parabel
Verse 17–33 sind eine der eindrucksvollsten Parabeln des Korans. Sie erzählt von einer Gruppe, die einen fruchtbaren Garten besitzt. Die Eigentümer beschließen, am Morgen früh zu kommen, um die Ernte einzubringen – und niemandem etwas davon abzugeben.
Das ist sozialethisch zentral. In der arabischen Wirtschaftsmoral war es traditionell üblich, Bedürftigen einen Teil der Ernte zu überlassen – ähnlich wie die biblische Vorschrift, die Ecken des Feldes nicht abzuernten (Levitikus 19,9-10). Die Garten-Besitzer wollen diese Tradition unterlaufen.
Sie schwören sich – „ohne Vorbehalt" (Vers 18) – darauf ein. Sie wollen kategorisch keine Bedürftigen am Garten haben.
Während sie schlafen, kommt ein „Umfasser" von Gott – eine zerstörende Macht, vielleicht ein Feuer, ein Sturm, eine Heuschreckenplage. Am Morgen finden sie den Garten zerstört vor.
Die Pointe (Verse 28–32): Der „maßvollste" unter ihnen erinnert daran, dass sie Gott vergessen hatten. Sie erkennen ihre Schuld, tadeln sich gegenseitig, hoffen auf Vergebung und auf einen besseren Garten als Ausgleich.
Vers 33 zieht die Lehre: „So ist die Strafe. Aber die Strafe des Jenseits ist gewaltiger – wenn sie es nur wüssten!"
Was die Parabel lehrt
Die Garten-Parabel ist eine der pointiertesten Sozialethik-Lehrstücke des Korans:
- Wer Bedürftige ausschließt, schließt Gott aus. Beides geht zusammen.
- Reichtum ist Leihgabe, nicht Eigentum. Wer ihn als reines Eigentum behandelt, kann ihn schneller verlieren als er gedacht hat.
- Vorbehalt ist religiös wichtig. Die Eigentümer hatten geschworen „ohne Vorbehalt". Wer eine Plan macht, ohne „so Gott will" (inschāʾ Allāh) zu sagen, hat den Wesenszug der eigenen Lage nicht verstanden – die Pläne hängen nicht an mir, sondern an Gott.
- Erkenntnis kommt durch Verlust. Erst als der Garten zerstört ist, erinnern sich die Eigentümer an Gott. Das ist die kurzfristige Bilanz – die langfristige (Vers 33) ist die jenseitige Strafe.
Jonas (Yūnus) im Fisch
Vers 48 erwähnt „den Mann in dem Fisch" – eine kurze Anspielung auf den Propheten Jonas. Die Bibel-Geschichte ist bekannt: Jonas floh vor seiner Mission, wurde von einem großen Fisch verschluckt, betete im Fischbauch und wurde wieder ausgespien.
Die Aufforderung an Mohammed: „Sei nicht wie der Mann in dem Fisch." – also: Werde nicht ungeduldig, fliehe nicht vor deiner Aufgabe. Das ist ein subtiles Detail. Auch Jonas, ein anerkannter Prophet, war einmal ungeduldig und wurde dafür gemaßregelt. Mohammed soll sich daraus eine Warnung nehmen.
Wie wird die Sure verstanden?
Sure 68 ist eine der dichtesten frühmekkanischen Suren. Sie verbindet:
- Persönliche Verteidigung Mohammeds (Verse 1–7)
- Polemik gegen einen konkreten Gegner (Verse 10–16)
- Eine prägnante Sozialethik-Parabel (Verse 17–33)
- Eschatologische Drohung (Verse 34–47)
- Eine Mahnung an Mohammed selbst, geduldig zu sein (Verse 48–52)
Die Garten-Parabel hat in der islamischen Sozialethik weitreichende Bedeutung. Sie wird oft zitiert, wenn es um Pflichtabgaben (zakāt), freiwillige Almosen (ṣadaqa) und allgemein die soziale Verantwortung von Wohlhabenden geht.
Schlüsselbegriffe kurz erklärt
- Mysteriöse Buchstaben (al-ḥurūf al-muqaṭṭaʿa) – isolierte Buchstaben am Anfang von 29 Suren – Bedeutung seit 1400 Jahren umstritten
- Die Feder (al-qalam) – das Schreibrohr – im Koran Symbol für Schrift, Wissen, Bewahrung; gibt der Sure ihren Namen
- Großartiger Charakter (chuluq ʿaẓīm) – koranische Auszeichnung Mohammeds in Vers 4 – ethische Substanz, nicht Sündlosigkeit
- Zanīm – sehr scharfe arabische Beleidigung – „der dem Stamm Angeschlossene", oft als „unehelich" verstanden
- Garten-Parabel – eine der zentralen koranischen Sozialethik-Erzählungen – Garten-Eigentümer, die Bedürftige ausschließen wollen, verlieren ihren Garten
- Mann in dem Fisch – koranische Anspielung auf den Propheten Jonas – Bild für ungeduldigen Mut zur Flucht