Themen des KoransRatgeber
Juden und Christen im Koran: die Leute der Schrift
Der Koran nennt Juden und Christen "Leute der Schrift" (arabisch ahl al-kitab), weil sie nach seiner Lehre eine offenbarte Schrift erhalten haben. Er erkennt Tora und Evangelium als Rechtleitung an und ruft zu einem "gleichen Wort" auf (Sure 3,64), kritisiert aber die Trinität und die Gottessohnschaft Jesu. Verse wie 5,51 und 9,29 werden klassisch und modern sehr unterschiedlich ausgelegt.

Juden und Christen kommen im Koran oft vor, in Lob und Kritik ebenso wie in Rechtsregeln. Der Koran fasst sie unter einem eigenen Begriff zusammen: ahl al-kitab, wörtlich "Leute des Buches" oder "Leute der Schrift" [2]. In der Lesefassung dieser Website nach Max Henning (1901) heißen sie meist "Volk der Schrift" oder "die, denen die Schrift gegeben wurde" [1]. Als Koran gilt nach islamischem Verständnis nur der arabische Wortlaut; die deutsche Fassung ist eine Übertragung.
Wer zu den Leuten der Schrift gehört
Nach dem Kleinen Islam-Lexikon der Bundeszentrale für politische Bildung bezeichnet der Begriff im Koran die Anhänger des Judentums und des Christentums als Religionen mit offenbarter Schrift. Später wurden teils auch Zoroastrier und Sabier dazugezählt [2]. Der Koran nennt in Sure 22,17 nebeneinander "die Gläubigen und die Juden und die Sabier und die Christen und die Magier und die Polytheisten" und sagt, Allah werde am Tag der Auferstehung zwischen ihnen entscheiden [1].
Als Schriften nennt der Koran die Tora und das Evangelium. Über die Tora heißt es, in ihr befänden sich "eine Rechtleitung und ein Licht" (Sure 5,44) [1]. Sure 5,46 sagt dasselbe über das Evangelium, das Jesus gegeben worden sei, "bestätigend die Tora, die vor ihm war" [1]. Die Bibel in der Übersetzung Martin Luthers von 1912 kannst du auf bibel.domain-root.de lesen.
Was der Koran als gemeinsam betont
Mehrere Verse stellen den eigenen Glauben in eine Reihe mit Juden und Christen. Sure 2,136 und 3,84 zählen die Propheten von Abraham über Moses bis Jesus auf und halten fest, man mache "keinen Unterschied" zwischen ihnen [1]. Zum Gespräch mit den Leuten der Schrift sagt Sure 29,46:

"Und streitet nicht mit dem Volk der Schrift, es sei denn in bester Weise, außer mit jenen von ihnen, die ungerecht handelten; und sprecht: 'Wir glauben an das, was zu uns herabgesandt wurde und herabgesandt wurde zu euch; und unser Gott und euer Gott ist ein einziger Gott, und ihm sind wir ergeben.'" (Sure 29,46) [1]
Sure 3,64 lädt das Volk der Schrift ein, "zu einem gleichen Wort zwischen uns" zu kommen: Gott allein zu dienen und ihm nichts zur Seite zu stellen [1]. Sure 22,40 nennt Klöster, Kirchen, Bethäuser und Moscheen in einem Satz als Orte, "in denen Allahs Name (so) häufig genannt wird" und die ohne Gottes Schutz zerstört würden [1].
Kritik und Abgrenzung
Ebenso deutlich grenzt sich der Koran ab. Gegenüber den Christen richtet sich die Kritik vor allem gegen die Trinität und gegen die Lehre, Jesus sei Gottes Sohn. Beides gilt nach dem Kleinen Islam-Lexikon als unvereinbar mit einem strengen Monotheismus [3]. Sure 4,171 sagt: "So glaubt an Allah und an seinen Gesandten und sprecht nicht: 'Drei.'" Derselbe Vers sagt: "Der Messias Jesus, der Sohn der Maria, ist der Gesandte Allahs und sein Wort, das er in Maria legte, und Geist von ihm." [1]. Wie der Koran Jesus darstellt, beschreibt die Seite Jesus im Koran.
Sure 9,30 wirft beiden Gruppen vor, Gott einen Sohn zuzuschreiben: Die Juden sagten, Esra sei Allahs Sohn, die Christen, der Messias sei es [1]. Sure 2,113 beschreibt den Streit der beiden Gruppen untereinander, die sich gegenseitig vorwerfen, auf nichts zu "fußen", und schließt, Allah werde am Tag der Auferstehung darüber richten [1]. Das Kleine Islam-Lexikon nennt die Juden im Koran neben den Polytheisten die eigentlichen Gegner Muhammads; als Schriftbesitzer genössen sie dennoch den Schutz der Muslime [4]. Den Christen gegenüber sei der Koran günstiger eingestellt, enthalte aber auch vorwurfsvolle Stellen, etwa Sure 5,72 und 9,29 [3].
Nicht alle gleich: Verse mit Unterscheidungen
Der Koran urteilt nicht über alle Angehörigen dieser Religionen gleich. Sure 3,113 beginnt mit "Nicht sind sie (alle) gleich" und spricht von einer Gemeinde aus dem Volk der Schrift, die nachts die Zeichen Allahs liest und sich niederwirft [1]. Sure 3,199 sagt, unter ihnen gebe es solche, die an Allah glauben und an das, was zu den Muslimen und zu ihnen selbst herabgesandt wurde [1].
Sure 5,82 stellt beide Gruppen gegenüber. Die Juden und die Götzendiener seien den Gläubigen "am meisten feind", die Christen stünden ihnen "am freundlichsten" gegenüber, "weil unter ihnen Priester und Mönche sind, und weil sie nicht hochmütig sind" [1].
Umstrittene Verse und ihre Lesarten
Einige Verse werden bis heute gegensätzlich gelesen. Die folgenden Beispiele zeigen eine klassische Stimme, den Korankommentar des Ibn Kathir, und eine moderne, die Anmerkungen des Übersetzers Muhammad Asad. Beide sind Auslegungen, keine Teile des Korans.

Sure 2,62 und 5,69: Lohn für Juden und Christen?
Sure 2,62 lautet: "Siehe sie, die glauben, und die Juden und die Christen und die Sabäer: wer immer an Allah glaubt und an den jüngsten Tag und das Rechte tut, die haben ihren Lohn bei ihrem Herrn, und Furcht kommt nicht über sie, und nicht werden sie traurig sein." [1]. Sure 5,69 wiederholt die Aussage fast gleich [1].
Ibn Kathir überliefert von Ibn Abbas, nach diesem Vers sei Sure 3,85 offenbart worden, nach der Gott keine andere Religion als den Islam annimmt. Er versteht Sure 2,62 so, dass Anhänger früherer Propheten auf dem rechten Weg waren, solange sie ihrem Propheten folgten, und dass Gott nach Muhammads Sendung nur Taten annimmt, die dessen Gesetz entsprechen [5]. Muhammad Asad liest den Vers als grundlegende Lehre, die das Heil an drei Bedingungen knüpft: Glaube an Gott, Glaube an den Tag des Gerichts und rechtes Handeln [6].
Sure 5,51: Freunde oder Verbündete?
Der Vers sagt: "O ihr, die ihr glaubt, nehmt nicht die Juden und Christen zu Freunden; einander nehmen sie zu Freunden, und wer von euch sie zu Freunden nimmt, siehe, der ist von ihnen." [1]. Ibn Kathir versteht ihn als Verbot der Freundschaft mit Juden und Christen und berichtet, der Kalif Umar habe einen Gefährten getadelt, weil dieser einen christlichen Schreiber beschäftigte [7]. Asad weist darauf hin, dass das arabische Wort wali mehrere Bedeutungen hat, etwa Verbündeter, Freund, Helfer oder Beschützer. Er liest den Vers als Verbot eines moralischen Bündnisses, das die eigene Identität aufgibt, und ausdrücklich nicht als Verbot normaler, freundlicher Beziehungen zu Nichtmuslimen, die den Muslimen wohlgesinnt sind [8]. Im Koran selbst steht dazu Sure 60,8: Allah verbiete nicht, gegen jene "gütig und gerecht zu sein", die nicht in Sachen des Glaubens gegen die Muslime gestritten und sie nicht aus ihren Häusern vertrieben haben [1].
Sure 9,29: Kampf und Tribut
Sure 9,29 fordert, gegen jene von den Leuten der Schrift zu kämpfen, die nicht an Allah und den jüngsten Tag glauben, "bis sie den Tribut aus der Hand gedemütigt entrichten" [1]. Ibn Kathir datiert den Vers in das neunte Jahr nach der Auswanderung, als Muhammad einen Feldzug gegen die Römer (Byzantiner) vorbereitete, der bis Tabuk führte. Er versteht die Demütigung wörtlich und gibt die Bedingungen des Vertrags Umars mit den Christen Syriens wieder, darunter das Verbot, neue Kirchen zu bauen [9]. Asad dagegen versteht den Vers als Teil eines Verteidigungskrieges gegen Angriff oder ernste Bedrohung. Die Abgabe, arabisch dschizya, deutet er als Ersatz für den Wehrdienst, von dem Nichtmuslime befreit waren; Frauen, Kinder, Alte, Kranke sowie Priester und Mönche seien davon ausgenommen gewesen [10]. Mehr zu den Versen über Krieg steht auf der Seite Krieg und Frieden im Koran und in der Einordnung der Sure Die Reue.
Ehe und Speise
Sure 5,5 erlaubt den Muslimen die Speise der Leute der Schrift. Als mögliche Ehefrauen nennt derselbe Vers neben gläubigen Frauen auch "züchtige Frauen von denen, welchen die Schrift vor euch gegeben wurde" [1]. Ibn Kathir bezieht die Speise auf das Fleisch der von ihnen geschlachteten Tiere. Er berichtet auch, einige Prophetengefährten hätten Christinnen geheiratet, während Ibn Umar von solchen Ehen abriet [11]. Mehr dazu steht auf der Seite Speisevorschriften im Koran.
Der Schutzstatus in der Geschichte
In islamisch beherrschten Gebieten waren Juden und Christen meist Minderheiten. Sie erhielten nach dem Kleinen Islam-Lexikon eine rechtliche Sonderstellung: Gegen eine Steuer wurden sie geduldet, durften ihre Religion ausüben und Eigentum besitzen [2]. In den meisten heutigen, weitgehend säkularen Staaten der islamischen Welt spielt dieser Status nur noch im Personenstandsrecht eine Rolle, vor allem im Eherecht; in Staaten mit betont islamischer Ausrichtung wie Iran oder Saudi-Arabien ist die Idee weiter von Bedeutung [2].

Zur Frühzeit schreibt das Lexikon, Muhammad habe in Medina zunächst die Annäherung an die Juden gesucht und sie nach Widerstand aus der Stadt vertrieben [4]. Die Lage der Juden in der islamischen Welt sei im Vergleich zum mittelalterlichen Europa im Allgemeinen nicht schlecht gewesen. Nach der Gründung Israels verließen die meisten arabischen Juden ihre Heimat; der Nahostkonflikt habe den frühislamischen Gegensatz wiederbelebt [4]. Das Verhältnis zu den Christen war nach dem Lexikon lange von Pragmatismus geprägt. Mit dem Kolonialismus änderte es sich, und in einigen Ländern wie Ägypten und dem Sudan kam es in der Gegenwart zu blutigen Konflikten [3].
Sure 3,64 im heutigen Dialog
Der Vers vom "gleichen Wort" gab einem bekannten Dialogtext den Namen. Am 13.10.2007, zum Ende des Ramadan, schickten 138 muslimische Religionsführer einen offenen Brief mit dem Titel "A Common Word between Us and You" an Papst Benedikt XVI. und andere Kirchenführer [12]. Die Antwort des Papstes, unterzeichnet vom Kardinalstaatssekretär, ist auf den 19.11.2007 datiert [12]. Die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Erzählungen beider Schriften behandelt die Seite Koran und Bibel.
- Der Koran (Übersetzung Max Henning, Reclam Leipzig 1901), Scan. Internet Archive. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde Schriftbesitzer. Bundeszentrale für politische Bildung (Stephan Guth, Kleines Islam-Lexikon, 6. Auflage, München 2018). Stand 2018. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde Christentum. Bundeszentrale für politische Bildung (Marco Schöller, Kleines Islam-Lexikon, 6. Auflage, München 2018). Stand 2018. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde Judentum. Bundeszentrale für politische Bildung (Marco Schöller, Kleines Islam-Lexikon, 6. Auflage, München 2018). Stand 2018. abgerufen am 29.10.2026
- Ibn Kathir (Abridged) Tafsir: Al-Baqarah Ayah 62. Quran.com. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Al-Quran, Online Quran Project: Sure 2,62 mit Anmerkungen von Muhammad Asad. al-quran.info. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Ibn Kathir (Abridged) Tafsir: Al-Ma'idah Ayah 51. Quran.com. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Al-Quran, Online Quran Project: Sure 5,51 mit Anmerkungen von Muhammad Asad. al-quran.info. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Ibn Kathir (Abridged) Tafsir: At-Tawbah Ayah 29. Quran.com. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Al-Quran, Online Quran Project: Sure 9,29 mit Anmerkungen von Muhammad Asad. al-quran.info. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Ibn Kathir (Abridged) Tafsir: Al-Ma'idah Ayah 5. Quran.com. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation VATICAN: "Without ignoring or downplaying our differences as Christians and Muslims, we can and therefore should look to what unites us": the Holy Father, Pope Benedict XVI relies to open letter from 138 Muslim religious leaders. Agenzia Fides. Stand 30.11.2007. abgerufen am 29.10.2026
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