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Koranverse zitieren: Zählung und Angaben

Eine Koranstelle gibt man mit Nummer der Sure und Nummer des Verses an, etwa "Sure 2,255" für den Thronvers. Heute ist die Zählung der Kairoer Ausgabe von 1924 mit 6.236 Versen üblich. Ältere europäische Übersetzungen wie Henning 1901 zählen nach der Ausgabe von Gustav Flügel (1834), deshalb weichen ihre Versnummern oft um einige Stellen ab.

Ein alter hölzerner Karteischrank mit vielen kleinen geschlossenen Schubladen und Messinggriffen in einem stillen Archivraum
Bild: KI-generiert

Wer eine Koranstelle sucht, die in einem Buch oder Artikel angegeben ist, findet sie nicht immer unter derselben Nummer. Der Thronvers ist in heutigen Ausgaben Sure 2,255, in der Übersetzung von Max Henning aus dem Jahr 1901 aber Vers 256 [1]. Der Grund sind verschiedene Zählweisen. Die Koranzitate auf dieser Seite stammen aus der Lesefassung dieser Website nach der Übersetzung von Max Henning (1901); als Koran gilt nach islamischem Verständnis nur der arabische Wortlaut.

So wird eine Koranstelle angegeben

Der Koran besteht aus 114 Suren, die in Verse eingeteilt sind [4]. Eine Stelle gibt man mit zwei Zahlen an: erst die Nummer der Sure, dann die Nummer des Verses. "Sure 2,255" bedeutet also Sure 2, Vers 255. Mehrere Verse schreibt man als Bereich, etwa "Sure 2,255 bis 257". Statt der Nummer kann auch der Name der Sure stehen, bei Sure 2 arabisch al-Baqara, bei Henning "Die Kuh" [1].

Ein Schreibrohr und ein Tintenfass auf einem schlichten cremefarbenen Blatt auf einem dunklen Holzschreibtisch
Bild: KI-generiert

Die Schreibweise ist nicht einheitlich. Verbreitet sind diese Formen:

SchreibweiseWo sie vorkommt
Sure 2,255deutschsprachige Texte, auch diese Website
Q 2:255internationale Forschung, etwa das Projekt GloQur [7]
Q: 2/121islamisch-theologische Arbeiten, etwa das Tübinger Glossar zur Koranrezitation [8]
Sur. 64, 7ältere deutsche Fachliteratur, etwa Nöldekes "Geschichte des Qorāns" [9]

Wichtiger als die Form ist die Frage, nach welcher Zählung die Nummer gemeint ist. Eine einheitliche Zählung setzte sich erst mit der Kairoer Ausgabe von 1924 durch; ältere europäische Werke zählen oft nach Flügel [2, 3].

Nummer und Name einer Sure

Jede Sure hat neben ihrer Nummer einen Namen. Im Deutschen sind zwei Arten üblich: die Umschrift des arabischen Namens und eine Übersetzung. Henning setzte über jede Sure einen deutschen Namen [1], das Projekt Tanzil führt die arabischen Namen in Umschrift [4]. Weil die Namen nicht immer wörtlich übereinstimmen, ist die Nummer die sicherere Angabe.

SureArabischer Name (Tanzil)Name bei Henning 1901
1Al-FaatihaDie Öffnende
2Al-BaqaraDie Kuh
9At-TawbaDie Reue
17Al-IsraaDie Nachtfahrt
36YaseenJ. S.
112Al-IkhlaasDie Reinigung

Die Kairoer Zählung

Die heute übliche Zählung stammt aus der Kairoer Koranausgabe, die die Amiri-Druckerei am 10.07.1924 herausgab [5]. Die Ausgabe folgt der Lesung des Hafs nach Asim. Weil Hafs aus Kufa stammt, teilt und zählt sie die Verse nach der Tradition von Kufa [2, 5]. Nach dieser Zählung hat der Koran 6.236 Verse [4]. Im arabischen Druck steht die Versnummer am Ende des Verses; der Orientalist Gotthelf Bergsträßer wies 1930 darauf hin, dass die Ziffer dort für den vorhergehenden Vers gilt [2].

Eine Besonderheit ist die Eingangsformel "Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen". Die Kairoer Ausgabe zählt sie in Sure 1 als ersten Vers, vor den übrigen 112 Suren, die sie tragen, steht sie als Zeile ohne Nummer [5]. Sure 9 hat keine Eingangsformel [1]. In der Lesefassung dieser Website ist deshalb Sure 1,1 die Eingangsformel, während Sure 2,1 mit den Buchstaben "A. L. M." beginnt [1].

Die Versnummer sagt wenig über die Länge einer Sure. Schwally rechnete nach Flügels Zählung vor, dass Sure 7 dreißig Verse mehr hat als Sure 4, obwohl Sure 4 eine Seite länger ist, und dass Sure 20 fünf Verse mehr hat als Sure 9, obwohl sie nur halb so lang ist [9].

Andere Zählungen in der Überlieferung

Die Kairoer Zählung ist nicht die einzige überlieferte. Die islamische Überlieferung kennt mehrere Schulen der Verszählung. Der Kommentar des Corpus Coranicum zu Sure 55 vermerkt zum Beispiel, dass die Zählung von Medina die Verse 3 und 4 dieser Sure als einen Vers rechnet [6]. In der Kairoer Zählung sind das zwei kurze Verse: "Er erschuf den Menschen, / Er lehrte ihn deutliche Sprache" (Sure 55,3 bis 4) [1]. Nach Medina gezählt, rückt jeder folgende Vers der Sure eine Nummer nach vorn, sofern die Zählungen nicht an anderer Stelle wieder ausgleichen. Solche Unterschiede ändern nichts am Wortlaut, sie betreffen nur die Grenze zwischen zwei Versen.

Auch heutige Ausgaben weichen gelegentlich ab. Die deutsche Übersetzung der Ahmadiyya-Gemeinde zählt die Eingangsformel in jeder Sure außer Sure 9 als ersten Vers [10]. Wer eine Stelle aus dieser Ausgabe in einer Kairoer Ausgabe sucht, findet sie deshalb meist einen Vers früher.

Die Zählung nach Flügel

Im 19. Jahrhundert arbeiteten europäische Orientalisten mit der arabischen Koranausgabe von Gustav Flügel, die 1834 erschien [2, 5]. Ihre Zählung entspricht keinem der muslimischen Systeme [3]. Bergsträßer urteilte 1930 scharf über die "oft ganz sinnlos frei erfundene Flügelsche Zählung" und forderte, die Orientalisten müssten sich an die Kairoer Ausgabe gewöhnen; für den Übergang brauche man eine Tabelle, die beide Zählungen gegenüberstellt [2]. Bei einem Neudruck des Textes wäre es nach Bergsträßer ein Vorteil, neben den Versziffern von Kufa auch die Flügelschen anzugeben, weil die Forschung sie noch lange brauchen werde [2].

Ein Gelehrtenzimmer aus dem 19. Jahrhundert mit großem Schreibtisch, Öllampe, Globus und Regalen voller geschlossener Lederbände
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Max Henning folgte in seiner Übersetzung von 1901 weitgehend der Flügel-Zählung [3]. Spätere Ausgaben seiner Übersetzung änderten das: Die 1960 von Annemarie Schimmel betreute Ausgabe erhielt eine neue Verszählung, ebenso die 1968 von Kurt Rudolph bearbeitete [3]. Wer Henning zitiert, muss also wissen, welche Ausgabe vorliegt. Auch Nöldekes "Geschichte des Qorāns" zitiert nach Flügel; seine Angabe "Sure 9, 129 f." für das Ende von Sure 9 entspricht in der Kairoer Zählung Sure 9,128 bis 129 [1, 9].

Kairo und Flügel im Vergleich

Für die Lesefassung dieser Website wurde jeder Vers Hennings der Kairoer Zählung zugeordnet. Eine eigene Auswertung dieser Zuordnung zeigt, wie stark die Zählungen auseinandergehen [1]. Bei 57 der 114 Suren stimmt die Nummer für jeden einzelnen Vers überein. Bei 56 weiteren Suren weicht mindestens eine Versnummer ab; Sure 1 druckt Henning ganz ohne Versnummern und ist hier nicht vergleichbar. In 13 dieser Suren ist sogar die Gesamtzahl der Verse verschieden, etwa in Sure 4 (Kairo 176, Henning 175) und Sure 27 (Kairo 93, Henning 95) [1]. Die Unterschiede entstehen, weil eine Zählung einen Vers teilt, den die andere als einen zählt, oder umgekehrt.

Zwei gleiche Schnüre mit schlichten Holzperlen liegen leicht gegeneinander verschoben nebeneinander auf einem blauen Webtuch
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StelleKairoer ZählungHenning 1901 (Flügel)
Thronvers2,2552,256
Fastengebot "O ihr, die ihr glaubt, vorgeschrieben ist euch das Fasten"2,1832,179
Jesus und die Jünger3,523,45
"Einen Koran gleich diesem hervorzubringen"17,8817,90
"Sie sind euch ein Kleid"2,1872,183
Lichtvers24,3524,35
"Sprich: Er ist der eine Gott"112,1112,1

Die größte Verschiebung in der Auswertung liegt in Sure 3: Der Vers, in dem Jesus fragt, wer seine Helfer seien, ist in der Kairoer Zählung Vers 52, bei Henning Vers 45 [1].

Weitere Einteilungen neben Sure und Vers

Für den Vortrag ist der Koran zusätzlich in 30 etwa gleich lange Abschnitte eingeteilt, zum Beispiel für die Lesung im Ramadan [11]. Die Metadaten von Tanzil verzeichnen weitere Einteilungen: 240 Viertel eines Hizb, sieben größere Teile (Manzil), 556 kleinere Abschnitte (Ruku) und 15 Stellen, an denen man sich beim Vortrag niederwirft [4]. Eine Angabe wie "im 30. Abschnitt" bezeichnet nur einen Bereich von vielen Suren; für eine genaue Stelle braucht man Sure und Vers.

Praktische Hinweise

Auf dieser Website steht immer die Kairoer Zählung. Wo Hennings Nummer abweicht, nennen die Surenseiten sie als Zusatz, damit du Stellen aus älterer Literatur wiederfindest. Eine Stelle wie "2,255" kannst du direkt in die Suche im Koran eingeben.

Ein Beispiel: In einem Buch von 1910 steht als Beleg "Sure 2, 256", und der Satz handelt vom Thron Gottes. Nach Kairoer Zählung ist Vers 256 aber der Vers "Es sei kein Zwang im Glauben" [1]. Wer einen Vers vorher nachsieht, findet bei 2,255 den Thronvers mit den Worten "Weit reicht sein Thron über die Himmel und die Erde" [1]. Das Buch hat also nach Flügel gezählt.

Gib beim Zitieren am besten an, nach welcher Ausgabe oder Übersetzung du zitierst. Das gilt besonders für Henning, weil die Ausgaben von 1901, 1960 und 1968 verschieden zählen [3].

Den bekanntesten Einzelvers erklärt die Seite Der Thronvers (Sure 2,255), den Text von Sure 2 findest du unter Sure 2. Welche Übersetzungen welche Zählung verwenden, zeigt der Vergleich der Koranübersetzungen auf Deutsch, die Einteilung in Suren, Verse und Abschnitte die Seite Aufbau des Korans. Wie man Bibelstellen angibt, erklärt die Seite Bibelstellen richtig angeben auf bibel.domain-root.de.

  1. Der Koran (Übersetzung Max Henning, Reclam Leipzig 1901), Scan. Internet Archive. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  2. Studie Plan eines Apparatus Criticus zum Koran (Sitzungsberichte der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-historische Abteilung, Jahrgang 1930, Heft 7), S. 3 bis 6. Gotthelf Bergsträßer, Bayerische Akademie der Wissenschaften, München. Stand 1930. abgerufen am 29.10.2026
  3. Studie Qur'an translation of the week #36: The impact of standardization: Max Henning's 1901 Qur'an translation and its editors. Johanna Pink, GloQur (The Global Qur'an). Stand 22.01.2021. abgerufen am 29.10.2026
  4. Organisation Quran Metadata (ver 1.0). Tanzil. Stand 2009. abgerufen am 29.10.2026
  5. Cairo edition. Wikipedia (englisch). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  6. Studie Sure 55: ar-Raḥmān, "Der Barmherzige" (Chronologisch-literaturwissenschaftlicher Kommentar zum Koran, Teil 1: die frühmekkanischen Suren). Nicolai Sinai, Corpus Coranicum, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften. Stand ohne Datum (Betaversion). abgerufen am 29.10.2026
  7. Studie Qur'an translation of the week #135: The elusive quest for dogmatic correctness: Al-Azhar's German Qur'an translation. Johanna Pink, GloQur (The Global Qur'an). Stand 16.12.2022. abgerufen am 29.10.2026
  8. Studie Deutschsprachiges Mini-Glossar für Koranrezitation / Taǧwīd, S. 2 und 4. Khaled Radhouani, Zentrum für Islamische Theologie, Universität Tübingen. Stand 29.07.2020. abgerufen am 29.10.2026
  9. Studie Geschichte des Qorāns, Erster Teil, S. 75, und Zweiter Teil, S. 14 und 64. Theodor Nöldeke, bearbeitet von Friedrich Schwally, Dieterich, Leipzig. Stand 1909 und 1919. abgerufen am 29.10.2026
  10. Studie Qur'an translation of the week #69: 'Der Heilige Qur'an', a new revised German translation of the Qur'an. Kamran Ahmad Khan, GloQur (The Global Qur'an). Stand 10.09.2021. abgerufen am 29.10.2026
  11. Behörde Koran. Bundeszentrale für politische Bildung (Kleines Islam-Lexikon, 6. Auflage, München 2018). Stand 2018. abgerufen am 29.10.2026

Zuletzt geprüft am 30.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.