Wissen zum KoranRatgeber

Den Koran lesen: womit Einsteiger anfangen

Der Koran ist weder nach Zeit noch nach Themen geordnet, deshalb fangen viele Leser nicht vorn mit der langen Sure 2 an. Ein möglicher Einstieg ist Sure 1, die Öffnende, danach der 30. und letzte Teil mit 37 meist kurzen mekkanischen Suren. Wer den ganzen Text lesen will, kann ihn in 30 Abschnitten über einen Monat verteilen.

Ein geschlossener Lederband mit Lesebändchen liegt auf einem niedrigen Holzpult am Fenster neben einer Tasse Tee im Morgenlicht
Bild: KI-generiert

Wer den Koran zum ersten Mal aufschlägt, beginnt meist mit Sure 1 und gerät danach in Sure 2, die mit 286 Versen die längste des ganzen Buchs ist [3]. Es gibt andere Wege in den Text. Alle Zitate stammen aus der deutschen Lesefassung nach der Übersetzung von Max Henning (1901) [1]. Als Koran gilt nach islamischem Verständnis nur der arabische Wortlaut; eine Übersetzung kann vieles davon nicht wiedergeben.

Was dich beim ersten Lesen erwartet

Der Koran hat 114 Suren. Sie sind sehr verschieden lang: Die längste hat 286 Verse, die kürzesten haben drei [3]. Eine thematische oder systematische Ordnung hat das Buch nach dem Orientalisten Marco Schöller nicht, und die Suren entsprechen keinen Themenabschnitten [2]. Ein Thema kommt oft in mehreren Suren vor, und jede Sure lässt sich für sich verstehen [3].

Eine ruhige Leseecke mit gepolsterter Fensterbank, gefalteter gemusterter Decke und kleiner Lampe im warmen Abendlicht
Bild: KI-generiert

Ein paar Dinge kehren immer wieder. Mit Ausnahme von Sure 9 beginnen alle Suren mit der Formel "Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen" [3, 1]. Manche Suren beginnen mit einzelnen arabischen Buchstaben, deren Bedeutung ungeklärt ist [3]; die Lesefassung gibt sie wie Henning als "A. L. M." wieder. Über jeder Sure steht, ob sie als mekkanisch oder medinensisch gilt, also aus der Zeit des Propheten in Mekka oder in Medina stammt [3]. Die Unterschiede erklärt die Seite Mekkanische und medinensische Suren.

Dazu kommt die Sprache. Hennings Übersetzung ist über hundert Jahre alt, und auch die behutsam modernisierte Lesefassung behält Wörter wie "siehe" und "wahrlich" [1]. Der Orientalist Marco Schöller weist darauf hin, dass viele Stellen im Arabischen mehrdeutig sind und Übersetzungen diese Ebenen verlieren [9]. Ein Vergleich verschiedener Übersetzungen hilft deshalb an schwierigen Stellen; einen Überblick gibt die Seite Koranübersetzungen auf Deutsch im Vergleich.

Mit Sure 1 anfangen

Die erste Sure heißt bei Henning "Die Öffnende", arabisch al-fatiha. Sie hat sieben Verse, und bei ihr zählt die Eingangsformel als erster Vers [1, 4]. Muslime sprechen sie in jedem Gebet: Beim rituellen Gebet wird stehend die Fatiha rezitiert, bevor Verbeugung und Niederwerfung folgen [10]. Sie beginnt nach der Eingangsformel so:

"Lob sei Allah, dem Herrn der Welten, Dem Erbarmer, dem Barmherzigen, Dem König am Tag des Gerichts! Dir dienen wir und zu dir rufen um Hilfe wir; Leite uns den rechten Pfad" (Sure 1,2 bis 6) [1].

Die Verse nennen Gott als Herrn der Welten, seine Barmherzigkeit, den Tag des Gerichts und die Bitte um Leitung. Den vollständigen Text mit Einordnung findest du auf der Seite Sure 1: Die Öffnende.

Der letzte Teil: kurze Suren aus Mekka

Für das Vortragen ist der Koran in 30 ungefähr gleich große Teile eingeteilt [2]. Arabisch heißt ein solcher Teil dschuz, und die meisten Teile sind nach dem ersten Wort ihres ersten Verses benannt [6]. Der 30. und letzte Teil reicht von Sure 78 bis Sure 114 [4, 6]. Er enthält 37 Suren mit zusammen 564 Versen; 34 dieser Suren gelten nach der Einteilung von Tanzil als mekkanisch, nur die Suren 98, 99 und 110 als medinensisch [4]. Nach der englischen Wikipedia ist es der Teil, den Muslime am häufigsten auswendig lernen [6].

Ein trockenes felsiges Tal mit niedrigen kahlen Bergen unter klarem Morgenhimmel und langen Schatten
Bild: KI-generiert

Die Suren dieses Teils sind kurz, im Schnitt haben sie in der Lesefassung gut 110 Wörter (eigene Zählung) [1]. Sure 112 fasst das Bekenntnis zu Gott in vier Versen zusammen: "Sprich: Er ist der eine Gott, Der ewige Gott; Er zeugt nicht und wird nicht gezeugt, Und keiner ist ihm gleich." [1]. Sure 107 fragt nach dem, "der das Gericht leugnet", und nennt ihn den, "der die Waise verstößt"; Sure 99 beginnt mit dem Beben der Erde, wenn "die Erde herausgibt ihre Lasten" [1].

Wer mit diesem Teil anfängt, liest das Buch von hinten. Fachliche Erklärungen gibt es für die meisten dieser Suren: Der Corpus Coranicum der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften bietet einen Kommentar zu 87 Suren, darunter 32 der 37 Suren aus dem letzten Teil (Stand 29.10.2026) [7].

Erzählungen als nächster Schritt

Nach den kurzen Suren bietet sich eine längere Sure mit einer durchgehenden Geschichte an. Ein Beispiel ist Sure 12, bei Henning "Joseph". Theodor Nöldeke schrieb 1860, sie unterscheide sich von allen übrigen größeren Suren dadurch, dass sie nur einen einzigen Gegenstand behandle, das Leben Josephs, mit Ausnahme einiger Verse am Schluss, die sich ebenfalls darauf beziehen [11]. Der Koran selbst kündigt sie in Vers 3 an: "Erzählen wollen wir dir die schönste der Geschichten durch die Offenbarung dieses Korans" [1]. Wer die Geschichte aus der Bibel kennt, kann beide Fassungen vergleichen.

Sure 18, "Die Höhle", erzählt mehrere Geschichten nacheinander, darunter die von den Jünglingen, die "in die Höhle einkehrten" (Sure 18,10), und eine Begegnung von Moses mit einem Diener Allahs [1]. Sure 19 trägt den Namen Maria. Sie beginnt mit der Verkündigung an Zacharias, dass ihm ein Sohn "namens Johannes" geboren wird, und erzählt danach von Maria und der Geburt Jesu [1]. Für alle drei Suren gibt es auf dieser Website eine Einordnung mit Übersicht nach Abschnitten.

Weitere Wege durch den Koran

Je nachdem, was du suchst, passt ein anderer Weg. Die Tabelle stellt vier Möglichkeiten nebeneinander.

Mehrere schmale Fußwege verzweigen sich über einen grünen Hügel im weichen Nachmittagslicht, von oben gesehen
Bild: KI-generiert
WegSo gehst du vorGut für
Reihenfolge des Buchsvon Sure 1 bis Sure 114alle, die den Koran so lesen wollen, wie er im Gebet und in Ausgaben steht
30 Teilejeden Tag einen Teil, zum Beispiel im Ramadan [2]alle, die den ganzen Text in einem Monat lesen wollen
Reihenfolge der Offenbarungnach einer überlieferten Liste, die mit Sure 96 beginnt [5]alle, die sehen wollen, wie sich die Themen entwickeln
nach Themendie Verse zu einem Thema zusammen lesenFragen wie "Was sagt der Koran über Maria?"

Die Reihenfolge der Offenbarung braucht eine Erklärung. Tanzil, ein Projekt mit Korandaten, veröffentlicht eine überlieferte Reihenfolge, in der Sure 96 an erster Stelle steht, danach die Suren 68, 73 und 74, dann Sure 1 [5]. Sure 96 beginnt mit dem Befehl "Lies! Im Namen deines Herrn, der erschuf" (Sure 96,1) [1]. Die westliche Forschung teilt die mekkanischen Suren nach Stil und Inhalt in drei Perioden ein; eine genaue Abfolge hält das Kleine Islam-Lexikon aber für unmöglich [3].

Den Weg mit 30 Teilen nimmt dir der Leseplan ab. Er teilt den Text nach den 30 Abschnitten oder nach deinem eigenen Tempo auf und merkt sich deinen Fortschritt im Browser. In der Lesefassung hat der ganze Koran knapp 140.000 Wörter; bei 30 Tagen sind das im Schnitt gut 4.600 Wörter am Tag, eigene Zählung [1]. Wer die Themen sucht, findet sie im Bereich Themen des Korans.

Was beim Lesen hilft

Die Verse werden heute meist nach der Kairoer Ausgabe gezählt. Henning zählte noch nach Flügel, deshalb weichen seine Versnummern oft um einen oder mehrere Verse ab. Der Thronvers ist bei ihm Vers 256, nach Kairo Vers 255 [1]. Auf dieser Website gilt überall die Kairoer Zählung, die Angabe "Sure 2,255" meint Sure 2, Vers 255.

Achte auch auf die runden Klammern. Henning hat an vielen Stellen Wörter ergänzt, die im Arabischen fehlen, damit der deutsche Satz verständlich wird, und sie in runde Klammern gesetzt. Die Lesefassung übernimmt diese Klammern und setzt keine neuen. In Sure 12,3 heißt es etwa: "siehe zuvor warst du achtlos (auf sie)" [1]. Was in Klammern steht, ist also eine Hilfe des Übersetzers. Hennings Fußnoten stehen nicht in der Lesefassung; was davon zum Verständnis nötig ist, findest du in den Einordnungen zu den Suren.

Einzelne Wörter, Namen und Stellen findest du mit der Volltextsuche. Die Lesefassung schreibt biblische Namen deutsch, also Moses, Abraham und Maria. Arabische Begriffe wie Kibla oder Taghut stehen in einer einfachen Umschrift [1]. Zu jeder Sure gibt es auf dieser Website eine Einordnung mit dem Ort, dem Inhalt nach Abschnitten und einer Übersicht, wie die Sure verstanden wird.

Der Koran ist zum Vortragen gedacht. Für das arabische Rezitieren gibt es eigene Regeln der Aussprache, den tadschwid, und viele Koranausgaben enthalten Zeichen mit genauen Vortragsanweisungen [8]. Viele nichtarabische Muslime rezitieren den Koran auf Arabisch, verstehen aber den Inhalt nur ungefähr; dafür entstanden schon früh Übersetzungen zwischen den Zeilen, zuerst ins Persische [9]. Für die Bibel gibt es eine entsprechende Seite auf bibel.domain-root.de.

  1. Der Koran. Max Henning (Übersetzer), Reclam jun. Leipzig (Digitalisat Internet Archive). Stand 1901. abgerufen am 29.10.2026
  2. Behörde Koran. Bundeszentrale für politische Bildung, Kleines Islam-Lexikon (Marco Schöller). Stand 6. Auflage 2018. abgerufen am 29.10.2026
  3. Behörde Sure. Bundeszentrale für politische Bildung, Kleines Islam-Lexikon (Marco Schöller). Stand 6. Auflage 2018. abgerufen am 29.10.2026
  4. Organisation Quran Metadata (ver 1.0). Tanzil. Stand 2009. abgerufen am 29.10.2026
  5. Organisation Revelation Order. Tanzil. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  6. Juz'. Wikipedia (englisch). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  7. Organisation Kommentare, verfügbare Suren (Schnittstelle). Corpus Coranicum, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  8. Behörde Koranrezitation. Bundeszentrale für politische Bildung, Kleines Islam-Lexikon (Marco Schöller). Stand 6. Auflage 2018. abgerufen am 29.10.2026
  9. Behörde Koranübersetzung. Bundeszentrale für politische Bildung, Kleines Islam-Lexikon (Marco Schöller). Stand 6. Auflage 2018. abgerufen am 29.10.2026
  10. Behörde Gebet. Bundeszentrale für politische Bildung, Kleines Islam-Lexikon (Ralf Elger). Stand 6. Auflage 2018. abgerufen am 29.10.2026
  11. Studie Geschichte des Qorâns, S. 113. Theodor Nöldeke, Dieterichsche Buchhandlung Göttingen (Digitalisat Internet Archive). Stand 1860. abgerufen am 29.10.2026

Zuletzt geprüft am 30.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.