Wissen zum KoranRatgeber
Die arabische Sprache des Korans und die Rezitation
Der Koran ist in arabischer Reimprosa ohne festes Versmaß verfasst und vor allem zum Vortrag bestimmt. Die Regeln für den richtigen Vortrag heißen Tadschwid; sie betreffen Aussprache, Längen, Nasallaute und Pausen. Daneben gibt es mehrere anerkannte Lesarten; die verbreitete Kairoer Ausgabe folgt der Lesung des Hafs nach Asim.

Der Koran ist vor allem zum Vortrag bestimmt [2]. Muslime, die kein Arabisch sprechen, rezitieren ihn trotzdem auf Arabisch und verstehen die Bedeutung oft nur ungefähr; für sie entstanden Übersetzungen zwischen den Zeilen, zuerst ins Persische [7]. Die Koranzitate stammen aus der Lesefassung dieser Website nach der Übersetzung von Max Henning (1901). Als Koran gilt nach islamischem Verständnis nur der arabische Wortlaut.
Ein arabischer Koran
Der Koran bezeichnet sich selbst mehrfach als arabisch. "Siehe, wir haben es hinabgesandt als einen arabischen Koran; vielleicht begreift ihr (es)", heißt es in Sure 12,2, ähnlich in Sure 43,3 [1]. Sure 26 sagt über die Offenbarung, sie sei "in offenkundiger arabischer Zunge" gekommen (Sure 26,195) [1]. Allgemein heißt es in Sure 14,4: "Und nicht entsandten wir einen Gesandten, es sei denn mit der Sprache seines Volkes" [1].
Das Wort Koran selbst führt die große Mehrheit der muslimischen Gelehrten auf das arabische Verb qaraa zurück, "lesen, vortragen"; Koran bedeutet danach "das Gelesene" oder "das zu Lesende" [3]. Einzelne Gelehrte wie asch-Schafii leiteten es von einer anderen Wurzel ab [3]. Nach der Überlieferung beginnt auch die erste Offenbarung mit einer Aufforderung zum Lesen: "Lies! Im Namen deines Herrn, der erschuf" (Sure 96,1) [1, 3].
Reimprosa ohne festes Versmaß
Der Koran ist in Reimprosa geschrieben, arabisch sadsch. Sie hat kein festes Versmaß, und der Reim kann innerhalb einer Sure wechseln [2]. Theodor Nöldeke beschrieb die frühen Suren als rhythmisch bewegt mit kurzen Versen. In späteren Suren werden die Verse nach seiner Beobachtung länger, und vom poetischen Klang bleibe vor allem der Reim [4]. Die Reimprosa brachte Nöldeke mit den Sprüchen der vorislamischen Wahrsager in Verbindung [4].

Eine Besonderheit sind die einzelnen Buchstaben am Anfang von 29 Suren, deren Bedeutung die Korangelehrten unterschiedlich ausgelegt haben [3]. Sure 2 beginnt etwa mit "A. L. M." (Sure 2,1) [1]. Für den Vortrag sind sie wichtig, weil sie als einzelne Laute mit besonderer Sorgfalt gesprochen werden [3].
Die Unnachahmlichkeit
Die Sprache des Korans hat im Islam eine theologische Bedeutung. Muslime sehen in seiner sprachlichen Unnachahmlichkeit, arabisch idschaz, einen Beweis für seinen göttlichen Ursprung und für das Prophetentum Muhammads [2]. Der Koran selbst fordert seine Gegner heraus, Gleiches vorzulegen: "so bringt eine gleiche Sure hervor" (Sure 2,23) [1]. In Sure 17,88 heißt es, selbst wenn sich Menschen und Dschinn zusammentäten, "sie brächten keinen gleichen hervor" [1].
Aus derselben Bindung an den Wortlaut folgt die Schwierigkeit jeder Übersetzung. Das Kleine Islam-Lexikon der Bundeszentrale für politische Bildung hält die Übertragung des Korans für besonders schwierig, weil viel von seiner ästhetischen Wirkung verloren geht [2].
Der Koran als Vortrag
Der Koran ist nach dem Kleinen Islam-Lexikon in erster Linie für den Vortrag im Gottesdienst und in der Predigt bestimmt und weniger als systematisches Lehr- oder Gesetzbuch [2]. Für den Vortrag, etwa im Fastenmonat Ramadan, ist er in 30 etwa gleich lange Abschnitte eingeteilt [2]. Khaled Radhouani vom Zentrum für Islamische Theologie der Universität Tübingen zitiert dazu eine Darstellung von Denny: Der Koran werde in den täglichen Gebeten vorgetragen, nachts im Ramadan, in eigenen Rezitationsrunden und bei Anlässen wie Hochzeiten und Beerdigungen [3]. In manchen Regionen gibt es nach Denny Wettbewerbe im Koranvortrag [3].
Der Koran selbst gibt eine Anweisung für den Vortrag. In der Lesefassung lautet Sure 73,4: "und trag den Koran in singendem Vortrag vor" [1]. Das arabische Wort an dieser Stelle, tartil, verstanden Korangelehrte als schönen, wohlgeordneten Vortrag nach den Regeln [3].
Tadschwid: die Regeln des Vortrags
Die Regeln für den richtigen Vortrag heißen Tadschwid. Das Wort bedeutet nach Radhouani wörtlich "Qualitätsverbesserung", etwa eine Sache besser, schöner, perfekter durchführen [3]. Nach Radhouani gilt der regelgerechte Vortrag im Islam als Pflicht jedes einzelnen Gläubigen, während das Studium der Wissenschaft selbst einer ausreichenden Zahl von Gelehrten obliegt [3]. Er beschreibt die Regeln als Ausspracheregeln und grenzt sie von musikalischen Regeln ab [3]. Einige Grundbegriffe aus seinem Glossar:

| Begriff | Bedeutung im Vortrag |
|---|---|
| Machradsch (Austrittsort) | Stelle im Mund- und Rachenraum, an der ein Laut entsteht; für die 29 arabischen Buchstaben unterscheidet man 17 solcher Stellen [3] |
| Madd (Dehnung) | Verlängerung eines Vokals; die natürliche Länge beträgt zwei Zeiteinheiten (haraka), die längste Dehnung sechs [3] |
| Ghunna (Nasallaut) | Nasalierung, etwa bei verdoppeltem n und m, mit einer Länge von zwei Zeiteinheiten [3] |
| Izhar, Ichfa, Idgham, Iqlab | Behandlung eines vokallosen n und der Endung -n: deutlich aussprechen, verbergen, angleichen oder in m umwandeln, je nach folgendem Laut [3] |
| Qalqala | leichtes Nachschwingen der Laute q, t (emphatisch), b, dsch und d, wenn sie ohne Vokal stehen [3] |
| Waqf (Pause) | Regeln für das Anhalten und Weiterlesen, wichtig für den richtigen Sinn eines Verses [3] |
Auch das Tempo ist geregelt. Radhouani nennt drei erlaubte Geschwindigkeiten: tahqiq als langsamste, tadwir als mittlere und hadr als schnellste. Bei jeder müssen die Regeln eingehalten werden, und beim schnellen Lesen darf sich die Bedeutung nicht verändern [3].
Zum Umgang mit dem Koran gehören außerdem Anstandsregeln, arabisch adab at-tilawa. Radhouani nennt als Beispiele die rituelle Waschung, die Aufbewahrung des Korans an einem sauberen Ort und das Vermeiden von Ablenkung beim Vortrag [3].
Die Lesarten
Der Text, den Uthman verbreiten ließ, war in einer Schrift ohne Vokalzeichen und ohne die Punkte geschrieben, die ähnliche Buchstaben unterscheiden [5, 6]. Mit der Ausbreitung des Islams kamen nach Radhouani kleine, meist lautliche Unterschiede zwischen den Koranlesern in verschiedenen Gegenden auf [3]. Muslimische Gelehrte befassten sich deshalb mit diesen Unterschieden, und es entstand eine eigene Wissenschaft der Lesarten, arabisch qiraat [3].

Der Gelehrte Ibn Mudschahid (gestorben 936) wählte sieben vorherrschende Lesarten als die am besten überlieferten aus [3]. Als anerkannt gilt eine Lesart, wenn sie den Regeln der arabischen Sprache entspricht, mit dem unter Uthman gesammelten Text übereinstimmt und zuverlässig bis zum Propheten zurückverfolgt werden kann [3]. Die sieben Leser sind Nafi, Ibn Kathir, Ibn Amir, Abu Amr, Asim, Hamza und al-Kisai. Ibn al-Dschazari fügte drei weitere hinzu: Abu Dschafar, Jaqub und Chalaf [3]. Vier weitere Lesarten gelten als abweichend, darunter die des Hasan von Basra [3].
Wie klein die Unterschiede oft sind, zeigt die erste Sure. Im Vers über den Tag des Gerichts liest Asim maliki mit kurzem a, "König", Nafi dagegen maaliki mit langem a, "Besitzer"; beide Formen gelten als kanonisch [3]. Henning übersetzt den Vers mit "Dem König am Tag des Gerichts!" (Sure 1,4) [1].
Ein zweites Beispiel aus Radhouanis Glossar ist Sure 40,26, wo Pharao über Moses spricht. In der Lesung des Hafs fürchtet Pharao, Moses werde den Glauben seiner Leute ändern "oder" Unheil im Land hervorrufen. Ibn Amir, Ibn Kathir, Nafi, Abu Amr und Abu Dschafar lesen an dieser Stelle "und" statt "oder"; bei Schuba, Hamza, al-Kisai und Chalaf heißt es, das Unheil breche im Land aus [3]. Die Lesefassung nach Henning entspricht hier der Form, die das Glossar für Hafs angibt: "er ändert euren Glauben oder er lässt Verderben im Land erstehen" (Sure 40,26) [1, 3]. Radhouani sieht in solchen Unterschieden eine Bereicherung des Textes [3].
Hafs, Warsch und die Kairoer Ausgabe
Jede Lesart ist über bestimmte Überlieferer bekannt. Die Kairoer Koranausgabe, nach dem Kleinen Islam-Lexikon heute der verbreitetste Standard [2], folgt der Lesung des Hafs nach Asim [6]. Der Orientalist Gotthelf Bergsträßer schrieb 1930, diese Lesung herrsche "im Osten der sunnitischen Welt und bei einem Teil der Schiiten" [6]. Im Maghreb gilt nach dem Kleinen Islam-Lexikon eine eigene anerkannte Lesung [2]. Radhouani nennt dort die Überlieferung des Warsch nach Nafi, die neben der des Qalun angewendet wird [3].
Die Kairoer Ausgabe schreibt viele Ausspracheregeln in den Text hinein. Bergsträßer beschreibt 1930 eine verwickelte Zeichensetzung: Neben dem gewöhnlichen Zeichen für einen vokallosen Konsonanten gibt es Nebenformen für Konsonanten, die stumm bleiben, und die Endung -n erscheint in verschiedenen Gestalten, je nachdem, wie stark sie dem folgenden Laut angeglichen wird. Die Pausenzeichen nannte er "erfreulich unkompliziert" [6].
Die Forschung sammelt die Lesarten heute systematisch. Das Vorhaben Corpus Coranicum der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften stellt den Befund der Handschriften und die mündliche Lesetradition nebeneinander [5]. Bergsträßer hatte schon 1930 betont, die Rezension des Hafs sei anderen Textgestalten nicht an sich überlegen; die Varianten müssten von Fall zu Fall gegeneinander abgewogen werden [6].
Wie der Text gesammelt und aufgeschrieben wurde, erklärt die Seite Wie der Koran entstand und überliefert wurde. Warum Übersetzungen so verschieden ausfallen, zeigt der Vergleich der Koranübersetzungen auf Deutsch. Die Verszählung der Kairoer Ausgabe steht unter Koranverse zitieren. Den Text von Sure 1 und von Sure 73 mit dem Vers über den Vortrag findest du in der Surenübersicht, die Einteilung in Abschnitte unter Aufbau des Korans.
- Der Koran (Übersetzung Max Henning, Reclam Leipzig 1901), Scan. Internet Archive. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde Koran. Bundeszentrale für politische Bildung (Kleines Islam-Lexikon, 6. Auflage, München 2018). Stand 2018. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Deutschsprachiges Mini-Glossar für Koranrezitation / Taǧwīd, S. 3 bis 8, 24, 27 bis 32, 40, 43, 46, 49 und 55. Khaled Radhouani, Zentrum für Islamische Theologie, Universität Tübingen. Stand 29.07.2020. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Geschichte des Qorāns, Erster Teil: Über den Ursprung des Qorāns, S. 37, 75 und 143. Theodor Nöldeke, 2. Auflage bearbeitet von Friedrich Schwally, Dieterich, Leipzig. Stand 1909. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Corpus Coranicum. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Plan eines Apparatus Criticus zum Koran (Sitzungsberichte der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-historische Abteilung, Jahrgang 1930, Heft 7), S. 3 bis 10. Gotthelf Bergsträßer, Bayerische Akademie der Wissenschaften, München. Stand 1930. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde Koranübersetzung. Marco Schöller, Bundeszentrale für politische Bildung (Kleines Islam-Lexikon, 6. Auflage, München 2018). Stand 2018. abgerufen am 29.10.2026
Zuletzt geprüft am 30.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.
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