Wissen zum KoranRatgeber
Wie der Koran entstand und überliefert wurde
Nach islamischer Lehre empfing Muhammad den Koran zwischen 610 und 632 in einzelnen Offenbarungen durch den Engel Gabriel. Nach der Überlieferung ließ zuerst Abu Bakr die Texte sammeln, unter dem Kalifen Uthman (644 bis 656) entstand die verbindliche Ausgabe. Das Pergament der ältesten untersuchten Handschriften stammt nach Radiokarbon-Datierungen aus dem 6. oder 7. Jahrhundert.

Über die Entstehung des Korans gibt es zwei Arten von Auskunft. Die eine ist der Glaube der Muslime, wie ihn der Koran selbst und die islamische Überlieferung beschreiben. Die andere ist die historische Forschung, die Berichte und Handschriften prüft und dabei manches anders gewichtet. Die Koranzitate stammen aus der Lesefassung dieser Website nach der Übersetzung von Max Henning (1901). Als Koran gilt nach islamischem Verständnis nur der arabische Wortlaut.
Die Offenbarung nach islamischer Lehre
Der Koran ist die heilige Schrift des Islam. Nach islamischem Glauben empfing Muhammad die Offenbarungen zwischen 610 und 632, zuerst in Mekka und dann in Medina [1]. Der Text geht nach dieser Lehre auf ein himmlisches Urbild zurück [1]. Der Koran spricht davon in Sure 85: "Ja, es ist ein ruhmvoller Koran / Auf verwahrter Tafel" (Sure 85,21 bis 22) [2].
Mehrere Verse beschreiben, wie der Text zu Muhammad kam. Sure 2,185 nennt den Ramadan den Monat, "in welchem der Koran herabgesandt wurde", und Sure 97 beginnt mit "Siehe wir haben ihn in der Nacht El-Kadr offenbart" [2]. Als Vermittler nennt Sure 2,97 den Engel Gabriel, "der deinem Herzen mit Allahs Erlaubnis (den Koran) offenbarte" [2]. Gleichzeitig betont der Koran, dass die Offenbarung in Stücken kam: "und wir sandten ihn nach und nach hinab" (Sure 17,106) [2]. In Sure 25,32 wird die Frage der Gegner wiedergegeben, warum der Koran nicht "auf einmal" herabgesandt worden sei [2].
Als erste Offenbarung gilt den meisten muslimischen Gelehrten der Anfang von Sure 96, den Muhammad nach der Überlieferung bei einer Begegnung mit Gabriel in der Höhle Hira empfing [3]. Bei Henning beginnt die Sure mit "Lies! Im Namen deines Herrn, der erschuf" (Sure 96,1) [2]. Andere Gelehrte nannten den Anfang von Sure 74 [3]. Muhammad galt nach islamischer Überlieferung als des Lesens und Schreibens unkundig [1].
Aufschreiben und Auswendiglernen zu Lebzeiten Muhammads
Schon zu Lebzeiten Muhammads wurde der Text auf zwei Wegen bewahrt. Sekretäre schrieben die Offenbarungen auf, und viele Anhänger lernten sie auswendig [1]. Als Schreibstoffe nennt das Kleine Islam-Lexikon der Bundeszentrale für politische Bildung Knochen, Palmrippen und Häute [1]. Unter den bekannten frühen Vortragenden des Korans werden Ubai ibn Kaab, Ali ibn Abi Talib, Zaid ibn Thabit, Ibn Masud und Abu Musa al-Aschari genannt [3].

Die Forschung geht ebenfalls davon aus, dass schon zu Muhammads Zeit Niederschriften existierten. Friedrich Schwally, der Bearbeiter von Nöldekes "Geschichte des Qorāns", hielt es für sicher, dass Muhammad selbst für die Niederschrift der Offenbarungen gesorgt hatte [4]. Eine fertige Sammlung in Buchform hinterließ Muhammad nach der Überlieferung nicht. Der Koran sagt in Sure 75,17 über den Text: "Siehe uns liegt seine Sammlung und Verlesung ob" [2].
Die erste Sammlung unter Abu Bakr
Die am weitesten verbreitete Überlieferung zur ersten Sammlung geht auf Zaid ibn Thabit selbst zurück. Schwally fasst sie so zusammen: In der Schlacht von Jamama, im Jahr 11 oder 12 nach der Hidschra, waren viele Koranleser gefallen. Umar fürchtete, ein großer Teil des Korans könne verloren gehen, und riet dem Kalifen Abu Bakr, die Offenbarungen zu sammeln [4]. Abu Bakr zögerte zunächst, weil der Prophet dazu keinen Auftrag gegeben hatte, und beauftragte dann Zaid ibn Thabit, der schon für Muhammad Offenbarungen niedergeschrieben hatte [4].
Zaid sammelte den Text nach diesem Bericht von Zetteln, Steinen, Palmstengeln, Schulterknochen, Rippen, Lederstücken und Brettchen und befragte außerdem Menschen, die Teile auswendig wussten; die Überlieferung spricht von den "Herzen der Menschen" [4]. Die beiden letzten Verse von Sure 9 fand er nach dem Bericht bei einem Mann aus Medina, dessen Name als Huzaima oder Abu Huzaima überliefert wird [4]. Die so entstandenen Blätter kamen später in den Besitz von Hafsa, einer Witwe Muhammads und Tochter Umars [4].
Neben dieser herrschenden Fassung kennt die muslimische Überlieferung zwei weitere: Nach der einen fand die Sammlung unter Umar statt, nach der anderen begann sie unter Abu Bakr und wurde unter Umar abgeschlossen [4]. Schwally hielt die Verbindung mit der Schlacht von Jamama für ungeschichtlich. Als sicherste Tatsache des Berichts sah er an, dass sich die Blätter später bei Hafsa befanden, weil das auch die Berichte über die Ausgabe Uthmans bestätigen [4].
Die Ausgabe unter Uthman
Die verbindliche Gestalt des Textes geht nach der Überlieferung auf den dritten Kalifen Uthman zurück, der von 644 bis 656 regierte [1]. Den Anlass schildert die herrschende Tradition so: Bei Feldzügen gegen Armenien und Aserbaidschan stritten Krieger aus dem Irak und aus Syrien über den richtigen Wortlaut. In Kufa galt die Lesung von Ibn Masud als maßgebend, in Basra die von Abu Musa [4]. Der Heerführer Hudhaifa berichtete Uthman davon [4].
Uthman setzte daraufhin eine Kommission ein: Zaid ibn Thabit aus Medina und drei Männer aus dem Stamm Quraisch, Abdallah ibn az-Zubair, Said ibn al-As und Abd ar-Rahman ibn al-Harith. Sie sollten Abschriften der Blätter Hafsas anfertigen [4]. Die Abschriften gingen in verschiedene Provinzen und galten dort fortan als maßgeblicher Text. Ältere Sammlungen sollten vernichtet werden; Widerstand gab es nach dem Bericht vor allem in Kufa unter Ibn Masud [4].
Das Datum ist nur ungefähr bekannt. Die genannten Feldzüge werden gewöhnlich ins Jahr 30 nach der Hidschra gesetzt, spätester Zeitpunkt ist Uthmans Tod im Jahr 35 [4]. David Thomas nennt in einer Mitteilung der Universität Birmingham das Jahr 650 als Zeitpunkt, zu dem die verbindliche Fassung nach muslimischer Überlieferung fertiggestellt war [7]. Nach dem Kleinen Islam-Lexikon bildet diese Ausgabe die Grundlage des kanonischen Textes. Schiiten werfen nach demselben Lexikon den Sammlern vor, Stellen über Ali weggelassen zu haben, ihr Korantext stimmt aber mit dem sunnitischen überein [1].
Was die Forschung sagt
Die europäische Koranforschung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts hat die Berichte über die Sammlung Stück für Stück geprüft. Schwally behandelt in der "Geschichte des Qorāns" neben der Ausgabe Uthmans auch die älteren Sammlungen von Ubai ibn Kaab und Ibn Masud [4]. Die Überlieferung zur Ausgabe Uthmans sei äußerlich weniger gut beglaubigt als die zur ersten Sammlung, weil die Kette der Gewährsleute schon bei Anas ibn Malik abbreche [4].
Nach dem Kleinen Islam-Lexikon deuten frühe Handschriften aus dem Jemen darauf hin, dass der Text auch nach der Ausgabe Uthmans noch eine Zeit lang nicht völlig einheitlich war [1]. Seit dem Buch von Christoph Luxenberg aus dem Jahr 2000 wird außerdem über eine syro-aramäische Lesart des Korantextes diskutiert. Diese These widerspricht der islamischen Überlieferung, und die deutsche Islamwissenschaft steht ihr mehrheitlich skeptisch gegenüber [1].
Das Vorhaben Corpus Coranicum der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, eingerichtet 2007, dokumentiert den Korantext anhand der Handschriften und der mündlichen Lesetradition. Sein Kommentar betrachtet den Koran als Sammlung von Einzeltexten, die über etwa zwei Jahrzehnte gewachsen ist [5].
Die ältesten Handschriften
Frühe Koranhandschriften sind oft mehrdeutig, weil ihnen Vokalzeichen und die diakritischen Punkte fehlen, die ähnliche Buchstaben unterscheiden [5]. Schon der Orientalist Gotthelf Bergsträßer beschrieb 1930 den ältesten erreichbaren Text als den Uthmans "ohne alle diakritischen Punkte und Lesezeichen" [8].

Zwei Funde in europäischen Bibliotheken wurden mit der Radiokarbonmethode untersucht. Die Universität Tübingen ließ das Pergament ihres Koranfragments Ma VI 165 an der ETH Zürich prüfen. Es stammt mit einer Wahrscheinlichkeit von 95,4 Prozent aus den Jahren 649 bis 675, also etwa 20 bis 40 Jahre nach dem Tod Muhammads [6]. Bis dahin war man von einer Entstehung im 8. oder 9. Jahrhundert ausgegangen. Die Proben entnahm ein Mitarbeiter des deutsch-französischen Projekts Coranica [6]. Die Universität Birmingham meldete 2015, das Pergament zweier Blätter aus ihrer Mingana-Sammlung sei mit 95,4 Prozent Wahrscheinlichkeit zwischen 568 und 645 entstanden [7]. Die Blätter enthalten Teile der Suren 18 bis 20 in einer frühen arabischen Schrift, dem Hidschazi [7].
Vom ersten Druck zur Kairoer Ausgabe
Der erste arabische Korandruck erschien um 1537 in Venedig; die Drucke aus Europa verbreiteten sich in der islamischen Welt aber nicht [1]. Die heute meistverbreitete Ausgabe stammt aus Kairo. Bergsträßer beschreibt sie 1930 als offizielle ägyptische Ausgabe, die im Auftrag des Königs unter Mitwirkung Kairoer Korangelehrter entstand. Ihr Nachwort ist auf den 13.01.1919 datiert, sein Exemplar trägt das Druckjahr 1342 der Hidschra, also 1923/24 [8].

Die Ausgabe folgt der Lesung des Hafs nach Asim und teilt die Verse nach der Tradition von Kufa ab [8]. Alte Handschriften wurden dafür nicht herangezogen; die Quellen nennt das Nachwort, es sind jüngere koranwissenschaftliche Schriften und die lebendige mündliche Überlieferung [8]. Bergsträßer empfahl sie trotzdem auch europäischen Orientalisten als Handausgabe [8]. Nach dem Kleinen Islam-Lexikon ist die Azhar-Ausgabe aus Kairo heute der verbreitetste Standard; im Maghreb gilt eine eigene anerkannte Lesung [1].
Wie die Suren nach Mekka und Medina eingeteilt werden, erklärt die Seite Mekkanische und medinensische Suren. Über Lesarten und den Vortrag des Textes informiert Die arabische Sprache des Korans und die Rezitation, über die Verszählung der Kairoer Ausgabe Koranverse zitieren. Die als erste Offenbarung geltende Sure steht unter Sure 96, die Sure über die Nacht der Offenbarung unter Sure 97. Wie die Bibel entstand, beschreibt die Seite Wie die Bibel entstanden ist auf bibel.domain-root.de.
- Behörde Koran. Bundeszentrale für politische Bildung (Kleines Islam-Lexikon, 6. Auflage, München 2018). Stand 2018. abgerufen am 29.10.2026
- Der Koran (Übersetzung Max Henning, Reclam Leipzig 1901), Scan. Internet Archive. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Deutschsprachiges Mini-Glossar für Koranrezitation / Taǧwīd, S. 2 und 5. Khaled Radhouani, Zentrum für Islamische Theologie, Universität Tübingen. Stand 29.07.2020. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Geschichte des Qorāns, Zweiter Teil: Die Sammlung des Qorāns, S. 11 bis 23 und 47 bis 50. Theodor Nöldeke, bearbeitet von Friedrich Schwally, Dieterich, Leipzig. Stand 1919. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Corpus Coranicum. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Rarität entdeckt: Koranhandschrift stammt aus der Frühzeit des Islam. Universität Tübingen, Pressemitteilung. Stand 10.11.2014. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Birmingham Qur'an manuscript dated among the oldest in the world. University of Birmingham. Stand 22.07.2015. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Plan eines Apparatus Criticus zum Koran (Sitzungsberichte der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-historische Abteilung, Jahrgang 1930, Heft 7), S. 3 bis 5. Gotthelf Bergsträßer, Bayerische Akademie der Wissenschaften, München. Stand 1930. abgerufen am 29.10.2026
Zuletzt geprüft am 30.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.
Weitere Artikel
WissenDie arabische Sprache des Korans und die RezitationReimprosa, Unnachahmlichkeit, die Regeln des Tadschwid und die Lesarten nach Hafs und Warsch: wie der Koran sprachlich …
WissenKoranübersetzungen auf Deutsch im VergleichVon der ersten deutschen Ausgabe 1772 über Rückert und Henning bis Paret, Khoury, Bobzin und Zaidan: deutsche …
WissenKoranverse zitierenWie man eine Koranstelle richtig angibt, was "Sure 2,255" bedeutet und warum ältere Übersetzungen wie Henning 1901 die Verse …
WerkzeugeLeseplanDein Koran-Leseplan: ein Teil (Juz) am Tag für 30 Tage oder eine eigene Dauer.