Wissen zum KoranRatgeber
Der Thronvers: Sure 2,255 im Wortlaut und in der Auslegung
Der Thronvers ist Vers 255 der zweiten Sure, arabisch ayat al-kursi. Er beginnt mit "Allah! Es gibt keinen Gott außer ihm, dem Lebendigen, dem Ewigen!" und beschreibt Gottes Wissen, Macht und Thron. Nach einer Überlieferung bei Muslim und Ahmad nannte Muhammad ihn den größten Vers im Buch Gottes; viele Muslime sprechen ihn vor dem Schlafen und nach dem Gebet.

Der Thronvers ist Vers 255 der zweiten Sure, die bei Henning "Die Kuh" heißt. Arabisch heißt er ayat al-kursi, benannt nach dem Thron Gottes, der in ihm vorkommt [5]. In der Lesefassung nach Max Henning lautet er so:
"Allah! Es gibt keinen Gott außer ihm, dem Lebendigen, dem Ewigen! Nicht ergreift ihn Schlummer und nicht Schlaf. Sein ist, was in den Himmeln und was auf Erden. Wer ist es, der Fürsprache einlegt bei ihm ohne seine Erlaubnis? Er weiß, was zwischen ihren Händen ist und was hinter ihnen, und nicht begreifen sie etwas von seinem Wissen, außer was er will. Weit reicht sein Thron über die Himmel und die Erde, und nicht beschwert ihn beider Hut. Denn er ist der Hohe, der Erhabene." (Sure 2,255) [1]
Die Verszahl folgt der Kairoer Zählung. Henning zählt nach Flügel, bei ihm ist es Vers 256 [1]. Als Koran gilt nach islamischem Verständnis nur der arabische Wortlaut; die deutsche Fassung oben ist eine Lesefassung nach Hennings Übersetzung von 1901.
Wo der Vers steht
Sure 2 ist mit 286 Versen die längste Sure des Korans und gilt nach der Einteilung des Projekts Tanzil als medinensisch [6, 7]. Der Thronvers steht in ihrer zweiten Hälfte zwischen Versen mit anderem Thema. Davor ruft Vers 254 dazu auf, zu spenden, "bevor ein Tag kommt, an dem kein Verkaufen ist und keine Freundschaft und keine Fürbitte" [1]. Danach beginnt Vers 256 mit dem oft zitierten Satz "Es sei kein Zwang im Glauben." [1]. Vers 257 fährt fort: "Allah ist der Schützer der Gläubigen; er führt sie aus den Finsternissen zum Licht." [1].
Wie weit der Thronvers reicht, sehen nicht alle gleich. Die schiitische Online-Enzyklopädie WikiShia berichtet, dass die meisten schiitischen Ausleger, darunter Tabatabai, nur Vers 255 dazu zählen. Einige Gelehrte nehmen gestützt auf Überlieferungen die Verse 256 und 257 hinzu [8]. Für die Datierung nennt die deutsche Wikipedia mit Verweis auf den Kommentar von Adel Theodor Khoury etwa das Jahr 624 [5].
Was der Vers über Gott sagt
Ibn Kathir liest den Vers in seinem klassischen Kommentar als Folge von zehn Aussagen, und der Kommentar Ma'arif al-Qur'an sieht in diesen zehn Sätzen eine vollständige Zusammenfassung der Einheit und Vollkommenheit Gottes [3, 4]. Der Vers enthält diese Aussagen:

- Es gibt keinen Gott außer Allah. Der Vers beginnt mit dem Bekenntnis zur Einheit Gottes [1].
- Gott wird als der Lebendige und der Ewige bezeichnet (im Vers: "dem Lebendigen, dem Ewigen"). Ibn Kathir erklärt das so: Gott stirbt nie, alles Geschaffene hängt von ihm ab, er selbst braucht nichts [3].
- Ihn ergreift weder Schlummer noch Schlaf. Ma'arif al-Qur'an begründet das damit, dass ein Wesen, das die Welt erhält, sonst Ruhe zu brauchen schiene [4].
- Ihm gehört alles in den Himmeln und auf der Erde [1].
- Niemand legt Fürsprache bei ihm ein ohne seine Erlaubnis. Ibn Kathir verweist dazu auf Sure 53,26 und 21,28 [3]. In 21,28 steht ein ähnlicher Satz: "Er weiß, was vor ihnen ist und was hinter ihnen, und nicht können sie Fürsprache einlegen, außer für den, an dem er Wohlgefallen hat" [1].
- Er weiß, "was zwischen ihren Händen ist und was hinter ihnen". Ma'arif al-Qur'an nennt zwei Deutungen: die Zeit vor und nach der Geburt der Menschen oder das, was ihnen offen und was ihnen verborgen ist. Beide hält der Kommentar für zulässig [4].
- Menschen begreifen von seinem Wissen nur, was er will [1].
- Sein Thron reicht über Himmel und Erde, und ihre Bewahrung ermüdet ihn nicht [1, 3].
- Er ist "der Hohe, der Erhabene" [1].
Die Bezeichnungen der Lebendige und der Ewige heißen arabisch al-hayy und al-qayyum. Ma'arif al-Qur'an leitet al-qayyum vom Wort für Stehen ab: Gemeint sei einer, der durch sich selbst besteht und alles andere erhält. Mehrere Gelehrte sehen nach diesem Kommentar in der Verbindung beider Namen den größten Namen Gottes [4]. Ibn Kathir führt dazu eine Überlieferung von Asma bint Yazid an, nach der dieser Name in 2,255 und in 3,1 bis 2 steht. Eine Überlieferung von Abu Umama nennt zusätzlich die Sure Ta-Ha; Hisham ibn Ammar bezieht das auf Vers 111 [3]. In der Lesefassung beginnt Sure 3,2 fast wie der Thronvers: "Allah, es gibt keinen Gott außer ihm, dem Lebendigen, dem Ewigen." In 20,111 heißt es, die Gesichter sollen sich "vor dem Lebendigen, dem Ewigen" neigen [1].
Der Thron und seine Deutungen
Das arabische Wort kursi lässt sich mit Stuhl oder Sitz übersetzen [4, 10]. Henning schreibt "Thron" [1]. Wie es zu verstehen ist, deuten die Auslegungen verschieden. Ibn Kathir zitiert Ibn Abbas mit der Erklärung, der kursi sei der Schemel für die Füße, und den eigentlichen Thron könne niemand ermessen. Ein weiteres Bild, das Ibn Kathir anführt: Die sieben Himmel und Erden verhalten sich zum kursi wie ein Ring in einer Wüste [3]. Ma'arif al-Qur'an übersetzt kursi mit "Stuhl" oder "Grundlage der Macht" und betont, dass Gott über Sitzen, Stehen und jeden Ort erhaben sei [4].

In schiitischen Überlieferungen steht kursi für das Wissen Gottes. Der Vers sagt dann: Sein Wissen umfasst die Himmel und die Erde. WikiShia nennt dazu einen Ausspruch, der auf Imam Dschafar as-Sadiq zurückgeführt wird [8]. Khourys Kommentar führt nach der deutschen Wikipedia beide Wege an: Der Thron wird wörtlich verstanden oder als Bild für Gottes Macht, Wissen oder Erhabenheit [5]. Ibn Kathir selbst schließt mit der Regel, Gottes Eigenschaften so anzunehmen, wie sie dastehen, ohne sie mit Geschaffenem zu vergleichen und ohne ihren Sinn zu verändern [3].
Der Vers in der Überlieferung
Über den Thronvers gibt es mehrere Hadithe, also Überlieferungen über Worte und Taten Muhammads [9]. Nach einer Überlieferung, die Ahmad und Muslim aufgezeichnet haben, fragte der Prophet seinen Gefährten Ubayy ibn Kaab, welcher Vers im Buch Gottes der größte sei. Ubayy nannte den Thronvers, und der Prophet beglückwünschte ihn zu seinem Wissen [3]. Eine zweite Erzählung, die Ahmad und at-Tirmidhi von Abu Ayyub al-Ansari überliefern, handelt von einem Dschinn, der Datteln nahm und sich freikaufte, indem er den Thronvers lehrte; at-Tirmidhi stufte sie als "hasan gharib" ein [3]. Al-Buchari überliefert von Abu Huraira eine ähnliche Erzählung, nach der jemand, der den Vers vor dem Schlafen spricht, bis zum Morgen behütet bleibt [3]. Ein Hadith bei an-Nasai, den Ma'arif al-Qur'an zitiert, verbindet das Sprechen nach jedem Pflichtgebet mit dem Eingang ins Paradies [4].
Die Hadithwissenschaft prüft solche Überlieferungen nach ihrer Kette von Überlieferern und stuft sie als gesund, gut, schwach oder erfunden ein [9]. Die Sammlungen von al-Buchari und Muslim gelten bei Sunniten als die angesehensten [9]. Was Hadithe von Koranversen unterscheidet, erklärt die Seite Koran und Hadith: der Unterschied.
Der Thronvers im Alltag
Theodor Nöldeke schrieb 1860 in seiner Geschichte des Korans, der Vers gelte bei den Muslimen "für einen der allerheiligsten Verse; ihm wird auch große Zauberkraft beigelegt" [2]. Nach WikiShia empfehlen Überlieferungen in schiitischen und sunnitischen Quellen, ihn in vielen Lagen zu sprechen: nach dem Gebet, vor dem Schlafen, beim Verlassen des Hauses, bei Gefahr, auf Reisen mit einem Fahrzeug und gegen den bösen Blick [8]. Nach der deutschen Wikipedia verbindet ihn der Volksglaube mit Schutz, weshalb er oft auf Amuletten steht [5].

Der Vers kommt auch in der Kunst vor. Die englische Wikipedia zeigt ihn auf einem Fries aus der Zeit der Fatimiden, auf einem Kiswa-Tuch, auf einem Teppich für die Gebetsnische und an der Fassade eines Grabes in Samarkand [10]. In Nagib Machfus' Roman "Zwischen den Palästen" spricht eine Mutter den Vers, während ihr Sohn zu Bett geht [5].
Vergleich mit der Bibel
Die deutsche Wikipedia nennt mehrere Bibelstellen mit ähnlichen Gedanken, darunter Psalm 121,4 und Jesaja 66,1 [5]. In der Lutherbibel von 1912 heißt es in Psalm 121,4: "Siehe, der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht." [11]. Jesaja 66,1 verwendet das Bild von Thron und Schemel: "Der Himmel ist mein Stuhl und die Erde meine Fußbank" [11]. Den ganzen Psalm findest du auf bibel.domain-root.de.
Für die Islamwissenschaft liegt beim Corpus Coranicum der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften ein literaturwissenschaftlicher Kommentar zu 87 Suren vor; Sure 2 gehört noch nicht dazu (Stand 29.10.2026) [12]. Den Zusammenhang der ganzen Sure beschreibt die Seite Sure 2: Die Kuh. Wie man Verse wie "2,255" angibt und warum Henning anders zählt, steht unter Koranverse zitieren. Weitere Stellen über den Thron findest du mit der Suche im Koran; die Formen Thron, Thrones und Throns stehen in der Lesefassung in 28 Versen (eigene Zählung, Stand 29.10.2026).
- Der Koran. Max Henning (Übersetzer), Reclam jun. Leipzig (Digitalisat Internet Archive). Stand 1901. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Geschichte des Qorâns, S. 135. Theodor Nöldeke, Dieterichsche Buchhandlung Göttingen (Digitalisat Internet Archive). Stand 1860. abgerufen am 29.10.2026
- Ibn Kathir (Abridged) Tafsir: Al-Baqarah Ayah 255. Quran.com. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Ma'arif al-Qur'an Tafsir: Al-Baqarah Ayah 255. Quran.com. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Thronvers. Wikipedia. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde Sure. Bundeszentrale für politische Bildung, Kleines Islam-Lexikon (Marco Schöller). Stand 6. Auflage 2018. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Quran Metadata (ver 1.0). Tanzil. Stand 2009. abgerufen am 29.10.2026
- Al-Kursi Verse. WikiShia. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde Hadith. Bundeszentrale für politische Bildung, Kleines Islam-Lexikon (Stefan Reichmuth). Stand 6. Auflage 2018. abgerufen am 29.10.2026
- Ayat al-Kursi. Wikipedia (englisch). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Lutherbibel 1912 (deu1912). eBible.org. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Kommentare, verfügbare Suren (Schnittstelle). Corpus Coranicum, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
Zuletzt geprüft am 30.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.
Weitere Artikel
WissenKoran und HadithKoran und Hadith im Vergleich: was ein Hadith ist, wie Sunna und Hadith zusammenhängen, welche Sammlungen maßgeblich sind …
WissenDen Koran lesenWo du beim Koran anfängst: Sure 1, die kurzen Suren im letzten Teil, Erzählsuren, die 30 Abschnitte oder die Reihenfolge der …
WerkzeugeLeseplanDein Koran-Leseplan: ein Teil (Juz) am Tag für 30 Tage oder eine eigene Dauer.