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Koran und Hadith: der Unterschied
Der Koran gilt Muslimen als Offenbarung Gottes im Wortlaut. Ein Hadith ist ein Bericht über Worte, Taten oder Billigungen des Propheten Muhammad, überliefert über eine Kette von Gewährsleuten. Die Hadithe bilden zusammen die Sunna, die nach dem Koran als zweite Quelle religiöser Normen gilt.

Im Islam gelten der Koran und die Hadithe als Quellen des Glaubens und des Rechts, mit unterschiedlichem Rang. Der Koran gilt als göttliche Offenbarung [4]. Ein Hadith ist ein Bericht über Aussprüche, Anordnungen und Handlungen des Propheten Muhammad, den seine Gefährten weitergegeben haben; im weiteren Sinn zählen auch Berichte über die Gefährten und die Generation danach dazu [2]. Die Koranzitate auf dieser Seite stammen aus der deutschen Lesefassung nach der Übersetzung von Max Henning (1901) [1]. Als Koran gilt nach islamischem Verständnis nur der arabische Wortlaut.
Was der Koran ist
Der Koran besteht aus 114 Suren, die in Verse gegliedert sind. Die längste Sure hat 286 Verse, die kürzeste drei [7]. Eine thematische Ordnung hat das Buch nach dem Orientalisten Marco Schöller nicht [8]. Muslime verstehen den Koran als Gottes Wort in genauem Wortlaut [6]. Deshalb wird er im Gebet rezitiert, und für den Vortrag gibt es eigene Regeln der Aussprache, den tadschwid [9].
Der Koran spricht an mehreren Stellen vom Gesandten und verlangt, ihm zu folgen. Sure 4,59 sagt: "O ihr, die ihr glaubt, gehorcht Allah und gehorcht dem Gesandten und denen, die Befehl unter euch haben." [1]. Sure 33,21 nennt den Gesandten "ein schönes Beispiel für jeden, der auf Allah und den jüngsten Tag hofft" [1]. Sure 16,44 sagt über die Herabsendung an den Propheten, sie geschehe, "damit du den Menschen erklärst, was zu ihnen hinabgesandt wurde" [1]. Welches Gewicht solche Verse für die Überlieferung haben, sehen Muslime unterschiedlich [6].
Was ein Hadith ist
Das Wort Hadith heißt Bericht oder Erzählung [6]. Jeder Hadith hat zwei Teile. Der isnad ist die Kette der Überlieferer, die den Bericht von Person zu Person bis zu einem Gefährten des Propheten zurückführt. Der matn ist der eigentliche Inhalt [2, 6]. Die sunnitische Hadithwissenschaft hat dafür eine eigene Methode entwickelt, die beide Teile getrennt betrachtet [2]. Ein Beispiel liefert der Korankommentar von Ibn Kathir: Den Bericht, in dem der Prophet seinen Gefährten Ubayy ibn Kaab nach dem größten Vers im Buch Gottes fragt, verzeichnet Imam Ahmad in seiner Sammlung. Muslim hat denselben Bericht ebenfalls aufgenommen, ließ aber einen Teil weg, nämlich einen Schwur des Propheten über den Vers [12].

Nach ihrer Echtheit teilt die Hadithwissenschaft die Hadithe in vier Stufen ein: sahih (gesund), hasan (gut), daif (schwach) und maudu (gefälscht). Weitere Merkmale sind die Zahl der Überlieferungswege und die Frage, ob eine Kette lückenlos ist [2]. Die deutsche Wikipedia nennt Fachbegriffe für Lücken: Fehlt der Gefährte, heißt der Hadith mursal, ist die Kette an einer Stelle unterbrochen, heißt er munqati [6].
Einen Sonderfall bildet der Hadith qudsi. Er gilt als Wort Gottes, das der Prophet mit eigenen Worten wiedergibt, also dem Sinn nach und nicht im Wortlaut wie der Koran. Ein Hadith qudsi darf im rituellen Gebet nicht rezitiert werden [6].
Sunna und Hadith
Sunna heißt etwa "gewohnte Handlung" oder "eingeführter Brauch". Im Islam bezeichnet das Wort die Tradition des Propheten, die nach dem Koran als zweite Quelle religiöser Normen gilt [3]. In der Frühzeit galten auch das Vorbild und die Aussagen der Gefährten als maßgeblich [3]. Innerhalb der ersten 250 Jahre nach dem Tod des Propheten setzte sich der Hadith als zweitwichtigste Quelle religiöser und rechtlicher Normen durch [2]. Seit dem späten 9. Jahrhundert wurde er stark aufgewertet, und im Verständnis vieler Sunniten fallen die Begriffe Sunna und Hadith seitdem weitgehend zusammen [3].
Die Sunna ist das Vorbild des Propheten, die Hadithe sind die einzelnen Berichte, aus denen man dieses Vorbild kennt [3]. Die Sunniten erkennen die ersten vier "Rechtgeleiteten Kalifen" an, während die Schiiten Ali als einzigen rechtmäßigen Nachfolger sehen [3, 5].
Die großen Sammlungen
Im 9. und 10. Jahrhundert entstanden viele Hadithsammlungen. Sechs davon gelten im sunnitischen Islam als nahezu kanonisch [2]. Die Tabelle nennt sie mit den Todesjahren ihrer Sammler.

| Sammlung | Sammler, gestorben | Art |
|---|---|---|
| Sahih al-Buchari | al-Buchari, 870 | nur Hadithe, die der Sammler für gesund hielt |
| Sahih Muslim | Muslim, 875 | nur Hadithe, die der Sammler für gesund hielt |
| Sunan Abi Dawud | Abu Dawud, 889 | auch schwächere Berichte |
| Sunan at-Tirmidhi | at-Tirmidhi, 892 | auch schwächere Berichte |
| Sunan an-Nasai | an-Nasai, 915 | auch schwächere Berichte |
| Sunan Ibn Madscha | Ibn Madscha, 886 | auch schwächere Berichte |
Die beiden Sahih-Werke von al-Buchari und Muslim genießen das höchste Ansehen [2]. Die Zwölferschiiten haben eigene Sammlungen; die deutsche Wikipedia nennt eine Gruppe von "vier Büchern", die bei ihnen kanonischen Rang erhielt [6]. Die schiitische Rechtslehre stützt sich dabei auf Überlieferungen vom Tun und Lassen des Propheten und der Imame [5].
Die Rangfolge der Quellen
Die sunnitischen Rechtsschulen beziehen sich nach dem Kleinen Islam-Lexikon auf den Koran als göttliche Offenbarung, auf die Sunna als Vorbild der Lebenspraxis des Propheten, auf den Konsens der Gelehrten und auf den Analogieschluss. Die eigene geistige Anstrengung (idschtihad) erkennen sie nur teilweise an [4]. Die Schiiten nennen als Quellen den Koran, die Überlieferung vom Propheten und den Imamen, den Konsens der Gelehrten und die eigenständige rationale Rechtsfindung [5].
Wie diese Quellen im Einzelnen anzuwenden sind, legten die Rechtsschulen fest. Sie gingen nach dem Kleinen Islam-Lexikon aus regionalen Lehrtraditionen in Städten wie Medina, Basra und Kufa hervor. Die vier sunnitischen Schulen sind die Hanafiten, Malikiten, Schafiiten und Hanbaliten [3]. Seit dem 17. Jahrhundert wuchs die Kritik an der festen Bindung an eine Rechtsschule. Im 20. Jahrhundert übernahmen Nationalstaaten und akademisch ausgebildete Juristen viel Einfluss, und heute gewinnen staatliche oder internationale Gremien und die eigene Meinungsbildung der Gläubigen an Gewicht [3]. Bei den Zwölferschiiten schließen sich Gläubige seit dem späten 18. Jahrhundert einem lebenden Gelehrten an, dessen Entscheidungen aber nicht als unfehlbar gelten [5].
| Koran | Hadith | |
|---|---|---|
| Was er ist | Offenbarung Gottes im Wortlaut [4, 6] | Bericht über Worte, Taten und Billigungen des Propheten [2, 6] |
| Umfang | ein Buch mit 114 Suren [7] | viele Sammlungen aus dem 9. und 10. Jahrhundert [2] |
| Prüfung | Wortlaut gilt nach islamischem Verständnis als feststehend [6] | Einstufung von gesund bis gefälscht [2] |
| Im Gebet | wird rezitiert [9] | Hadith qudsi darf im rituellen Gebet nicht gesprochen werden [6] |
| Rang als Quelle | erste Quelle [4] | Teil der Sunna, zweite Quelle [3] |
Wie beide zusammenwirken
Manche Regeln, die Muslime im Alltag befolgen, stehen im Koran nur in Umrissen. Ein Beispiel ist das Gebet. Der Koran nennt Gebetszeiten an mehreren Stellen, etwa in Sure 11,114 und 17,78; eine Zahl von fünf täglichen Gebeten steht in keinem Vers der Lesefassung (eigene Suche, Stand 29.10.2026) [1]. Das Kleine Islam-Lexikon beschreibt das Gebet als eine der Grundpflichten, die jeden Tag fünfmal verrichtet wird [10]. Zum Gebet siehe Das Gebet im Koran.
Auch die Koranauslegung arbeitet mit Hadithen. Die klassische Auslegung erklärt einzelne Wörter und Sätze, oft mit Überlieferungen über den Anlass, zu dem ein Vers herabgesandt wurde (asbab an-nuzul) [11]. Bei manchen Versen stammt fast alles, was über ihren Gebrauch erzählt wird, aus Hadithen. So nannte der Prophet nach einer Überlieferung bei Ahmad und Muslim den Thronvers den größten Vers im Buch Gottes [12]. Mehr dazu steht auf der Seite Der Thronvers.
Kritik an der Überlieferung
Die Einstufung in gesund, gut, schwach und gefälscht zeigt, dass schon die klassischen Gelehrten nicht jeden Bericht annahmen [2]. Auch heute streiten Muslime darüber. Der salafitische Gelehrte Muhammad Nasir ad-Din al-Albani wandte sich nach der deutschen Wikipedia gegen schwache Hadithe, auch solche in der Sammlung von Muslim [6]. Die sogenannten Koranisten, zu denen die Wikipedia Rashad Khalifa, Kassim Ahmad und Edip Yüksel zählt, halten den Koran für die einzige Quelle. Nach ihrer Sicht verlangt der Koran selbst keine Hadithe als zweite theologische Quelle, und die Aufgabe des Propheten war es, den Koran zu übermitteln [6].

In der westlichen Islamwissenschaft gelten die "Muhammedanischen Studien" von Ignaz Goldziher (1889 bis 1890) als eines der ersten grundlegenden Werke der westlichen Hadithforschung. Joseph Schacht gilt nach Goldziher als der zweite große Orientalist, der sich kritisch mit der klassischen Hadith-Überlieferung auseinandergesetzt hat [6]. Gautier Juynboll entwickelte die Theorie vom "common link": Viele Hadithe laufen als einzelner Strang vom Propheten bis zu einem gemeinsamen Überlieferer und verzweigen sich erst dann. Den Teil der Kette vor diesem Knoten hielt er für geschichtlich unsicher [6]. Harald Motzki hielt Schacht und Juynboll vor, den muslimischen Überlieferern zu sehr zu misstrauen, und stützte sich auf eine breitere Textgrundlage, etwa das Werk des Abd ar-Razzaq [6].
Wer das Thema geschichtlich vertiefen will, findet die Entwicklung des frühen Islams auf geschichte.domain-root.de. Wie der Koran selbst entstand und überliefert wurde, beschreibt die Seite Wie der Koran entstand, die Grundlagen des Buchs die Seite Was ist der Koran?.
- Der Koran. Max Henning (Übersetzer), Reclam jun. Leipzig (Digitalisat Internet Archive). Stand 1901. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde Hadith. Bundeszentrale für politische Bildung, Kleines Islam-Lexikon (Stefan Reichmuth). Stand 6. Auflage 2018. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde Sunna. Bundeszentrale für politische Bildung, Kleines Islam-Lexikon (Stefan Reichmuth). Stand 6. Auflage 2018. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde Recht. Bundeszentrale für politische Bildung, Kleines Islam-Lexikon (Christian Müller). Stand 6. Auflage 2018. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde Schiiten. Bundeszentrale für politische Bildung, Kleines Islam-Lexikon (Anja Pistor-Hatam). Stand 6. Auflage 2018. abgerufen am 29.10.2026
- Hadith. Wikipedia. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde Sure. Bundeszentrale für politische Bildung, Kleines Islam-Lexikon (Marco Schöller). Stand 6. Auflage 2018. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde Koran. Bundeszentrale für politische Bildung, Kleines Islam-Lexikon (Marco Schöller). Stand 6. Auflage 2018. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde Koranrezitation. Bundeszentrale für politische Bildung, Kleines Islam-Lexikon (Marco Schöller). Stand 6. Auflage 2018. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde Gebet. Bundeszentrale für politische Bildung, Kleines Islam-Lexikon (Ralf Elger). Stand 6. Auflage 2018. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde Koranexegese. Bundeszentrale für politische Bildung, Kleines Islam-Lexikon (Marco Schöller). Stand 6. Auflage 2018. abgerufen am 29.10.2026
- Ibn Kathir (Abridged) Tafsir: Al-Baqarah Ayah 255. Quran.com. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
Zuletzt geprüft am 30.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.
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