Themen des KoransRatgeber
Maria im Koran: Herkunft, Geburt Jesu und Deutungen
Maria (arabisch Maryam) ist die einzige Frau, die im Koran mit Namen genannt wird, und Sure 19 trägt ihren Namen. Der Koran erzählt von ihrer Weihe an Gott, ihrer Kindheit unter der Obhut des Zacharias und der Geburt Jesu unter einer Palme (Sure 3,35 bis 47 und 19,16 bis 33). Er nennt sie erwählt "vor den Frauen aller Welt" (Sure 3,42).

Maria, arabisch Maryam, ist die einzige Frau, die der Koran mit ihrem Namen nennt [3, 4]. Sure 19 ist nach ihr benannt [2]. Ausführlich erzählen von ihr die Suren 3 und 19, dazu kommen kürzere Verse in weiteren Suren. In der deutschen Lesefassung steht ihr Name in 31 Versen aus 12 Suren; das ist eine eigene Zählung, die auch die Wendung "Sohn der Maria" mitzählt [1]. Die Zitate auf dieser Seite stammen aus der Lesefassung nach der Übersetzung von Max Henning (1901) [1]. Als Koran gilt nach islamischem Verständnis nur der arabische Wortlaut.
Herkunft: das Haus Imran
Der Koran stellt Maria in eine Familie, die Gott auserwählt hat. Sure 3 beginnt diesen Abschnitt mit dem Satz: "Siehe, Allah erwählte Adam und Noah und das Haus Abrahams und das Haus Imrans vor allen Menschen" (Sure 3,33) [1]. Nach diesem Haus Imran ist die ganze Sure 3 benannt [3]. Maria heißt in Sure 66,12 "Imrans Tochter" [1]. In Sure 19 sprechen die Leute sie an mit "O Schwester Aarons" (Sure 19,28) [1].
Diese Angaben rücken Maria in die Nähe der Familie des Mose. Das Kleine Islam-Lexikon schreibt, dass Maria an einer Stelle mit Miriam gleichgesetzt wird, der Schwester von Aaron und Mose, und dass ihr Vater Imran heißt, entsprechend Amram, dem Vater Miriams in der Tora [2]. Wie das zu verstehen ist, wird in der Forschung unterschiedlich beantwortet. Nach dem Kommentar des Corpus Coranicum sah man darin lange eine bloße Verwechslung. In neuerer Zeit gilt die Bezeichnung meist als bewusste Zuordnung: Maria wird angesprochen wie Miriam und als ihr Gegenbild verstanden. Suleiman Mourad liest sie dagegen als Angabe der Abstammung aus der Priesterfamilie Aarons [3]. Der Kommentar selbst sieht dahinter eine ältere christliche Deutung, die Maria mit dem Tempel verband [3].
Kindheit im Tempel
Sure 3 erzählt von Marias Mutter, die im Koran keinen Namen trägt. Sie gelobt Gott das Kind in ihrem Schoß, und als ein Mädchen geboren wird, sagt sie: "Und ich habe es Maria genannt, und siehe, ich befehle sie und ihren Samen in deine Hut vor dem Satan, dem Gesteinigten." (Sure 3,36) [1]. Gott nimmt das Mädchen an, und Zacharias, der Vater Johannes des Täufers, wird ihr Pfleger. Wer Maria pflegen soll, entscheiden die Männer nach Sure 3,44 dadurch, dass sie "ihre Rohre warfen", also durch ein Los [1].

Jedes Mal, wenn Zacharias zu Maria in ihre Zelle tritt, findet er Speise bei ihr. Auf seine Frage antwortet sie: "Es ist von Allah; siehe Allah versorgt, wen er will, ohne zu rechnen." (Sure 3,37) [1]. Das Wort, das Henning mit "Zelle" übersetzt, verbindet der Kommentar des Corpus Coranicum mit dem Tempel in Jerusalem oder einem Raum darin [3]. Als Quelle dieser Erzählungen über Marias Geburt und Kindheit gelten nach dem Kleinen Islam-Lexikon vor allem apokryphe christliche Schriften, etwa das Protoevangelium des Jakobus [2].
Die Verkündigung
Zwei Erzählungen berichten, wie Maria die Geburt eines Sohnes angekündigt wird. In Sure 3 sprechen die Engel zu ihr: "O Maria, siehe Allah hat dich auserwählt und hat dich gereinigt und hat dich erwählt vor den Frauen aller Welt." (Sure 3,42) [1]. Wenig später verkünden sie ihr "ein Wort von ihm", den Messias Jesus (Sure 3,45) [1].
In Sure 19 zieht sich Maria von ihren Angehörigen an einen Ort "in Richtung Aufgang" zurück und verhüllt sich. Gott sendet seinen Geist, der ihr als Mann erscheint. Maria sucht Zuflucht beim Erbarmer und fragt: "Woher soll mir ein Knabe werden, wo mich kein Mann berührt hat und ich keine Dirne bin?" (Sure 19,20) [1]. Der Bote antwortet, das sei Gott ein Leichtes, und Gott werde das Kind "zu einem Zeichen für die Menschen" machen (Sure 19,21) [1]. Der Kommentar des Corpus Coranicum vergleicht die Szene mit dem Lukasevangelium und weist darauf hin, dass der Bote im Koran keinen Namen trägt. Er erscheint als Geist Gottes in Menschengestalt, während Lukas ihn Gabriel nennt [3].
Die Geburt unter der Palme
Die Geburt Jesu erzählt nur Sure 19. Maria geht an einen entlegenen Ort. Als die Wehen sie am Stamm einer Palme überkommen, klagt sie: "O dass ich doch zuvor gestorben und vergessen und verschollen wäre!" (Sure 19,23) [1]. Eine Stimme tröstet sie: Unter ihr fließt ein Bächlein, und wenn sie den Stamm schüttelt, fallen reife Datteln herab (Sure 19,24 bis 25) [1]. Begegnet sie einem Menschen, soll sie sagen, dass sie dem Erbarmer ein Fasten gelobt hat und an diesem Tag mit niemandem spricht (Sure 19,26) [1].

Das Lukasevangelium und das Protoevangelium des Jakobus kennen diese Szene nicht [3]. Der Kommentar des Corpus Coranicum nennt mehrere Parallelen: die Geschichte von Hagar, der ein Engel in der Wüste einen Brunnen zeigt, und ein Palmenwunder im apokryphen Evangelium des Pseudo-Matthäus aus dem 6. bis 8. Jahrhundert, dort auf der Flucht nach Ägypten [3]. Suleiman Mourad verweist außerdem auf die griechische Erzählung von Leto, die Apollo unter einer Palme gebar [3]. Der Kommentar erwähnt, dass auch eine Abhängigkeit der christlichen Erzählung von der koranischen erwogen worden ist [3].
Die Tübinger Theologin Lejla Demiri berichtet, dass viele muslimische Schwangere nach Marias Vorbild Datteln essen. Wenn bei einer muslimischen Schwangeren die Wehen beginnen, wird gern die Sure Maryam rezitiert, auch von Frauen mit Kinderwunsch [4].
Vorwurf und Verteidigung
Als Maria das Kind zu ihrem Volk bringt, wird sie beschuldigt: "O Maria, wahrlich, du hast ein sonderbares Ding getan!" (Sure 19,27) [1]. Sie antwortet nicht selbst und zeigt auf das Kind. Das Neugeborene spricht in der Wiege, nennt sich Gottes Diener und Propheten und sagt, Gott habe ihm "Liebe zu meiner Mutter" befohlen (Sure 19,32) [1]. Den Vorwurf, Maria sei eine Dirne, kennt der Kommentar des Corpus Coranicum auch aus jüdischer Polemik und aus syrischen Heiligenlegenden [3]. Sure 4,156 nennt die Beschuldigung gegen Maria "eine große Verleumdung" [1].

Weitere Verse ehren Maria. Sure 21,91 nennt sie die Frau, "die ihren Schoß keusch hielt", und sagt, Gott habe sie und ihren Sohn "zu einem Zeichen" gemacht "für alle Welt" [1]. Sure 66,12 stellt sie den Gläubigen als Beispiel vor: Sie "glaubte an die Worte ihres Herrn und seine Schriften, und war eine der Demütigen" [1]. Nach Sure 23,50 gab Gott Mutter und Sohn eine Wohnung auf einer Höhe, "eine Stätte der Sicherheit und eines Quells" [1].
Maria und die Lehre von Gott
An zwei Stellen erscheint Maria in der Auseinandersetzung des Korans mit christlichen Lehren. In Sure 5,116 fragt Gott Jesus, ob er die Menschen geheißen habe: "Nehmt mich und meine Mutter als zwei Götter neben Allah an" [1]. Jesus weist das zurück. Das Kleine Islam-Lexikon schreibt, dass Sure 5,116 die christliche Dreieinigkeit als Gott, Jesus und Maria darstellt [2]. Sure 5,75 betont dagegen, dass Maria ein Mensch war: Sie "war aufrichtig", und Mutter und Sohn "aßen Speise" [1]. Josef, den Mann Marias in den Evangelien, erwähnt der Koran nicht; sein Name ist aber aus der islamischen Überlieferung bekannt [2].
Wie Maria verstanden wird
In der islamischen Frömmigkeit hat Maria nach dem Kleinen Islam-Lexikon eine große Bedeutung, neben Fatima [2]. Nach dem Kleinen Islam-Lexikon berichtet der Koran ausführlich von Marias jungfräulicher Geburt, ihrem Aufenthalt im Tempel und ihrer Kindheit [2].
Für die heutige muslimische Theologie in Deutschland beschreibt Lejla Demiri, Professorin für Islamische Glaubenslehre in Tübingen, Maria als Vorbild für Gläubige, vor allem im bedingungslosen Gehorsam gegenüber Gott. Die Datteln und das Wasser zeigen für sie, dass Gott Maria versorgt und nicht allein lässt. Die Rolle von Maria und Jesus in Islam und Christentum hält sie für einen guten Ausgangspunkt für Gespräche, bei denen die Unterschiede genannt werden [4]. Der katholische Theologe Karl-Josef Kuschel beschreibt die islamische Sicht so: Die Geburt aus dem Geist zeigt die Einzigartigkeit und Macht Gottes, und Muslime sehen in der Geburt ein Zeichen göttlicher Barmherzigkeit, ohne an eine Menschwerdung Gottes zu glauben [4].
Die Islamwissenschaft untersucht, wie der Koran ältere Erzählungen über Maria aufnimmt. Nach dem Kommentar des Corpus Coranicum lässt Sure 19 die bildhafte christliche Deutung Marias als Tempel und Kirche fallen und behält nur, was sich erzählen lässt. Spuren davon sind die Anrede "Schwester Aarons" und der Ort "in Richtung Aufgang" [3]. Erst in Medina, so der Kommentar, bekam die Familie Marias, das Haus Imran, den hohen Rang, den Sure 3 zeigt [3].
Wie die Evangelien von Maria erzählen, steht auf der Seite Maria, die Mutter Jesu, in der Bibel auf bibel.domain-root.de. Über ihren Sohn berichtet die Seite Jesus im Koran. Den vollständigen Text findest du unter Sure 19 und Sure 3. Wie der Koran über Frauen allgemein spricht, beschreibt die Seite Frauen im Koran.
- Der Koran. Max Henning (Übersetzer), Philipp Reclam jun., Leipzig; Scan im Internet Archive. Stand ohne Jahr (Vorwort 1901). abgerufen am 29.10.2026
- Behörde Maria und Josef. Bundeszentrale für politische Bildung, Kleines Islam-Lexikon (Marco Schöller). Stand 6. Auflage 2018. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Chronologisch-literaturwissenschaftlicher Kommentar zum Koran, Sure 19 Maryam (Dirk Hartwig, Angelika Neuwirth). Corpus Coranicum, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften. Stand Betaversion. abgerufen am 29.10.2026
- Maria im Koran: Einzige Frau, die der Koran mit Namen erwähnt. evangelisch.de (Judith Kubitscheck, epd). Stand 12.12.2024. abgerufen am 29.10.2026
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