Wissen zum KoranRatgeber

Koranübersetzungen auf Deutsch im Vergleich

Die erste deutsche Koranausgabe erschien 1772 in Frankfurt am Main. Nach der Biblischen Bücherschau des Katholischen Bibelwerks gilt die Übersetzung von Rudi Paret (1962) als deutsche Standardausgabe, die von Hartmut Bobzin (2010) und Hans Zirker als gut lesbar und philologisch verlässlich. Daneben gibt es Übersetzungen aus muslimischer Sicht, etwa von Bubenheim und Elyas oder Amir Zaidan, sowie die gemeinfreie Übersetzung von Max Henning (1901).

Eine Reihe geschlossener alter Bände mit schlichten Leder- und Stoffeinbänden auf einem Holzregal im Nachmittagslicht
Bild: KI-generiert

Wer den Koran auf Deutsch lesen will, hat die Wahl zwischen mehr als einem Dutzend Übersetzungen. Sie stammen von Orientalisten, Theologen und muslimischen Gelehrten, seit dem 18. Jahrhundert, und sie verfolgen verschiedene Ziele: wörtliche Genauigkeit, schönen Klang oder die Nähe zur islamischen Auslegung. Aus den urheberrechtlich geschützten Übersetzungen wird hier nichts zitiert. Als Koran gilt nach islamischem Verständnis nur der arabische Wortlaut.

Warum jede Übersetzung nur eine Annäherung ist

Der Koran ist eng an seine sprachliche Gestalt gebunden, und sein Stil gilt als weitgehend unübersetzbar. So beschreibt es Marco Schöller (Universität Münster) im Kleinen Islam-Lexikon der Bundeszentrale für politische Bildung [1]. Mehrdeutige Stellen gehen in einer Übersetzung verloren [1]. Muslime, die kein Arabisch sprechen, rezitieren den Koran auf Arabisch und verstehen ihn oft nur ungefähr; für sie entstanden Übersetzungen zwischen den Zeilen in die Sprachen der islamischen Welt, zuerst ins Persische [1].

Die Übersetzung von Frank Bubenheim und Nadeem Elyas heißt "Der edle Qur'ān und die Übersetzung seiner Bedeutungen in die deutsche Sprache" [8].

Die ersten Übersetzungen in Europa

Die erste lateinische Fassung schuf Robert von Ketton 1142/43, allerdings nicht unmittelbar aus dem Original [1]. Die erste direkte Übersetzung in eine europäische Landessprache war die französische von André du Ryer. Die erste deutsche Ausgabe erschien 1772 in Frankfurt am Main [1].

Ein dämmriger alter Lesesaal mit hohen Holzregalen und einem Lesetisch mit Messinglampe im warmen Abendlicht
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Großen Einfluss hatte die englische Übersetzung von George Sale (London 1734) mit ihrer Einleitung und ihren Anmerkungen. Sie wurde 1746 von Th. Arnold ins Deutsche übertragen [2]. Friedrich Schwally, der Bearbeiter von Nöldekes "Geschichte des Qorāns", hielt die Übersetzung von S. F. G. Wahl (Halle 1828) für die verdienstlichste dieser frühen Arbeiten; Wahl übersetzte auf der Grundlage der älteren Verdeutschung von F. E. Boysen neu aus dem Arabischen [2]. Nach Schwally war in Deutschland zuletzt wohl die Übersetzung von L. Ullmann am meisten verbreitet, die 1840 in Krefeld erschien und 1897 die neunte Auflage erreichte [2].

Einen eigenen Weg ging der Dichter und Orientalist Friedrich Rückert. Seine Übertragung erschien nach seinem Tod 1888 in Frankfurt am Main, herausgegeben von August Müller, und umfasst nur eine Auswahl [2]. Schwally nannte sie "eine durchaus selbständige und geschmackvolle Leistung", hielt ihre wissenschaftlichen Grundlagen aber für veraltet [2]. Rückert versuchte, die ästhetische Seite des Korans in Reimform zu erschließen; die Biblische Bücherschau des Katholischen Bibelwerks nennt das eine Annäherung an die sprachliche Schönheit "zu Lasten philologischer Exaktheit" [4]. Nach dem Kleinen Islam-Lexikon gilt Rückerts Übertragung als die beste Annäherung, wenn man die ästhetische Wirkung des Korans erfahren will [1]. Hartmut Bobzin gab sie 1995 neu heraus [4].

Max Henning (1901)

Die Übersetzung von Max Henning (1861 bis 1927) erschien 1901 bei Reclam in Leipzig [3, 10]. Henning war nach Johanna Pink vom Forschungsprojekt GloQur ein Orientalist, der sich sein Wissen selbst angeeignet hatte [3]. Seine Übersetzung richtete sich an Laien und Studienanfänger und galt nach Pink allgemein als die zuverlässigste ihrer Zeit, auch weil es damals nur wenige deutsche Übersetzungen gab [3]. Sie gehört nach Pink zu den meistverkauften Koranübersetzungen auf dem deutschen Markt [3]. Das Kleine Islam-Lexikon zählt sie zu den verlässlichen deutschen Übersetzungen [1].

Ein kleiner Stapel schmaler alter Bändchen mit verblassten Umschlägen, mit Schnur gebunden, neben einem Füller
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Henning zählte die Verse weitgehend nach der Koranausgabe von Gustav Flügel, deren Zählung keinem der überlieferten muslimischen Systeme entspricht [3]. Spätere Ausgaben haben den Text verändert: 1960 erschien bei Reclam in Stuttgart eine von Annemarie Schimmel betreute Ausgabe mit neuer Verszählung, 1968 bei Reclam in Leipzig eine von Kurt Rudolph bearbeitete Fassung, und 1998 eine von Murad Wilfried Hofmann überarbeitete zweisprachige Ausgabe in Istanbul [3]. Wer Henning zitiert, sollte deshalb angeben, welche Ausgabe gemeint ist.

Henning starb 1927. Nach § 64 des Urheberrechtsgesetzes erlischt das Urheberrecht siebzig Jahre nach dem Tod des Urhebers [9]. Die Ausgabe von 1901 ist deshalb gemeinfrei. Die Lesefassung auf dieser Website beruht auf diesem Text von 1901, in heutiger Rechtschreibung und mit Kairoer Verszählung; mehr dazu steht auf der Seite Über diese Seite.

Übersetzungen des 20. Jahrhunderts

Die Ahmadiyya-Gemeinde gibt seit 1954 eine deutsche Übersetzung heraus [1]. Sie trägt den Titel "Der Heilige Qur'an", steht zweispaltig neben dem arabischen Text und zählt die Eingangsformel in jeder Sure außer Sure 9 als ersten Vers [11]. Ein Ausschuss der Gemeinde überarbeitete sie ab 2012 gründlich; die neue Ausgabe modernisiert die Sprache und richtet sich an Muslime wie Nichtmuslime, während die Ausgabe von 1954 vor allem für Nichtmuslime gedacht war [11]. 1962 folgte die Übersetzung des Islamwissenschaftlers Rudi Paret im Kohlhammer-Verlag. Die Biblische Bücherschau nennt sie wegen ihrer wissenschaftlichen Genauigkeit die deutsche Standardausgabe; Paret vermerkt viele Übersetzungsprobleme in Klammern im Text, was die Lektüre "sehr sperrig" macht [4]. Unter Wissenschaftlern gilt sie nach einem Bericht von evangelisch.de bis heute als Maßstab [5].

Adel Theodor Khoury legte eine Übersetzung mit ausführlichem Kommentar vor. Die einbändige Ausgabe des Gütersloher Verlagshauses von 2007 enthält Korantext, Übersetzung und Kommentar; nach dem Verlagstext räumt Khoury dort, wo mehrere Deutungen möglich sind, der islamischen Tradition den Vorzug ein [6]. Das Kleine Islam-Lexikon zählt Khourys Übersetzung wie die von Paret und Henning zu den verlässlichen [1].

Aus muslimischer Sicht entstanden die Übersetzung von Frank Bubenheim und Nadeem Elyas, die der König-Fahd-Komplex zum Druck des Korans in Medina herausgibt [8], und die Übertragung von A. von Denffer [1]. Amir Zaidan veröffentlichte 2000 seine kommentierte Übersetzung "At-tafsiir". Die erste Ausgabe arbeitete bewusst mit vielen arabischen Fachwörtern und einem Glossar; die völlig überarbeitete zweite Ausgabe von 2009 gibt die wahrscheinlichste deutsche Bedeutung an und verlegt Angaben zu den arabischen Begriffen in Fußnoten, hält aber bei Lobformeln, Formeln und Namen am Arabischen fest [7].

Auch die Azhar-Universität in Kairo gab eine deutsche Übersetzung heraus, erstmals 1999, überarbeitet 2007 (die Ausgabe von 2015 ist nach Johanna Pink ein unveränderter Nachdruck). Übersetzt hat sie der Germanist Moustafa Maher; Grundlage ist der knappe Korankommentar al-Muntakhab [12]. In Deutschland fand diese Ausgabe nach Johanna Pink wenig Verbreitung [12].

Neuere Übersetzungen seit 2009

Im Herbst 2009 und Frühjahr 2010 erschienen kurz nacheinander mehrere neue Übersetzungen [5]. Ahmad Milad Karimi, Islamwissenschaftler und Dichter aus Münster [4], legte im Herder-Verlag eine Übertragung vor, herausgegeben von Bernhard Uhde, die die sprachliche Schönheit des Arabischen im Deutschen spiegeln soll [5]. Die Biblische Bücherschau beschreibt sie als oft interpretierend und "spürbar vom Geist muslimischer Religiosität getragen" [4]. Im Patmos-Verlag erschien die deutsche Fassung der englischen Übersetzung von Muhammad Asad aus dem Jahr 1980, mit seinem Kommentar [5].

Eine helle Leseecke mit Sessel und Beistelltisch, darauf ein geschlossener Band mit schlichtem Einband und eine Tasse Tee
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Hartmut Bobzin veröffentlichte 2010 bei C.H. Beck eine Neuübertragung [4, 5]. Für das eigene Lesen und für die Bildungsarbeit empfiehlt die Biblische Bücherschau sie zusammen mit der Übersetzung des katholischen Theologen Hans Zirker; beide verbinden nach dieser Besprechung gute Lesbarkeit mit philologischer Verlässlichkeit und verzichten weitgehend auf Anmerkungen [4].

Die Übersetzungen im Überblick

Auch in der Aufmachung unterscheiden sich die Ausgaben. Manche drucken den arabischen Text daneben, etwa die Ahmadiyya-Übersetzung und die erste Azhar-Ausgabe [11, 12]. Paret macht Unsicherheiten durch Klammern im Text sichtbar [4]. Khoury, Asad und Zaidan geben einen Kommentar oder Erklärungen in Fußnoten bei [5, 6, 7]. Rückert und Karimi legen Wert auf den Klang [4].

ÜbersetzerErschienenEigenart nach den Quellen
S. F. G. Wahl1828, Halleneu aus dem Arabischen auf Grundlage von Boysen [2]
L. Ullmann1840, Krefeldlange am weitesten verbreitet [2]
Friedrich Rückert1888, Frankfurt am MainAuswahl, poetisch mit Reim [2, 4]
Max Henning1901, Leipzigfür Laien, Verszählung nach Flügel, gemeinfrei [3, 9]
Ahmadiyyaseit 1954Übersetzung der Ahmadiyya-Gemeinde [1]
Azhar-Universität (Moustafa Maher)1999, Kaironach dem Kommentar al-Muntakhab [12]
Rudi Paret1962, Stuttgartwissenschaftliche Standardausgabe, schwer lesbar [4]
Adel Theodor Khouryeinbändig 2007, Güterslohmit Kommentar, folgt bei mehreren Deutungen der islamischen Tradition [6]
Bubenheim und ElyasMedina"Übersetzung seiner Bedeutungen" [8]
Amir Zaidan2000, 2. Ausgabe 2009viele arabische Fachbegriffe [7]
Ahmad Milad Karimi2009, Freiburgpoetisch, oft interpretierend [4, 5]
Muhammad Asad2009 (deutsch)aus dem Englischen, mit Kommentar [5]
Hartmut Bobzin2010, Münchengut lesbar und philologisch verlässlich [4]
Hans Zirker4. Auflage 2013, Darmstadtgut lesbar und philologisch verlässlich [4]

Was die Unterschiede zwischen Kairoer und Flügel-Zählung praktisch bedeuten, erklärt die Seite Koranverse zitieren. Warum sich der Klang des arabischen Textes schwer übertragen lässt, beschreibt Die arabische Sprache des Korans und die Rezitation, einen ersten Überblick gibt Was ist der Koran?. Den Text der Lesefassung findest du in der Übersicht aller 114 Suren. Wie es mit einer deutschen Bibel aus derselben Zeit steht, zeigt die Seite Die Lutherbibel 1912 auf bibel.domain-root.de.

  1. Behörde Koranübersetzung. Marco Schöller, Bundeszentrale für politische Bildung (Kleines Islam-Lexikon, 6. Auflage, München 2018). Stand 2018. abgerufen am 29.10.2026
  2. Studie Geschichte des Qorāns, Zweiter Teil: Die Sammlung des Qorāns, S. 217 bis 219. Theodor Nöldeke, bearbeitet von Friedrich Schwally, Dieterich, Leipzig. Stand 1919. abgerufen am 29.10.2026
  3. Studie Qur'an translation of the week #36: The impact of standardization: Max Henning's 1901 Qur'an translation and its editors. Johanna Pink, GloQur (The Global Qur'an). Stand 22.01.2021. abgerufen am 29.10.2026
  4. Koranausgaben (Biblische Bücherschau 7/2014). Anja Middelbeck-Varwick, Katholisches Bibelwerk e.V., Stuttgart. Stand 2014. abgerufen am 29.10.2026
  5. Der Koran in neuen deutschen Übersetzungen. Anne Françoise Weber, evangelisch.de. Stand 08.10.2009. abgerufen am 29.10.2026
  6. Organisation Der Koran (Adel Theodor Khoury), Verlagsangaben. Gütersloher Verlagshaus, Buchangaben bei Schweitzer Fachinformationen. Stand 15.01.2007. abgerufen am 29.10.2026
  7. Studie Qur'an translation of the week #71: Al-mathani and the gigantic Qur'aan: Strategies of translating Arabic terminology in Amir Zaidan's At-tafsiir. Johanna Pink, GloQur (The Global Qur'an). Stand 24.09.2021. abgerufen am 29.10.2026
  8. Studie Deutschsprachiges Mini-Glossar für Koranrezitation / Taǧwīd, S. 2, Fußnote 1. Khaled Radhouani, Zentrum für Islamische Theologie, Universität Tübingen. Stand 29.07.2020. abgerufen am 29.10.2026
  9. Gesetz § 64 UrhG: Allgemeines. Bundesministerium der Justiz, gesetze-im-internet.de. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  10. Der Koran (Übersetzung Max Henning, Reclam Leipzig 1901), Scan. Internet Archive. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  11. Studie Qur'an translation of the week #69: 'Der Heilige Qur'an', a new revised German translation of the Qur'an. Kamran Ahmad Khan, GloQur (The Global Qur'an). Stand 10.09.2021. abgerufen am 29.10.2026
  12. Studie Qur'an translation of the week #135: The elusive quest for dogmatic correctness: Al-Azhar's German Qur'an translation. Johanna Pink, GloQur (The Global Qur'an). Stand 16.12.2022. abgerufen am 29.10.2026

Zuletzt geprüft am 30.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.