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Mekkanische und medinensische Suren

Als mekkanisch gelten die Suren aus der Zeit vor der Auswanderung Muhammads nach Medina im Jahr 622, als medinensisch die späteren. Nach der heute üblichen Einteilung sind 86 Suren mekkanisch und 28 medinensisch. Theodor Nöldeke zählte nur 24 Suren zu Medina und teilte die mekkanischen in drei Perioden.

Ein weites, felsiges Wüstental in der Abenddämmerung mit dunklen Hügeln und einer fernen Oase aus Dattelpalmen
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Über jeder Sure seiner Übersetzung von 1901 steht bei Max Henning eine Ortsangabe, etwa "Geoffenbart zu Mekka" oder "Geoffenbart zu Medina" [1]. Die Unterscheidung ist alt. Der Orientalist Theodor Nöldeke schrieb, sie sei "mit Recht von den Muslimen seit den ältesten Zeiten her beobachtet worden" und müsse auch von der Forschung beibehalten werden [2]. Welche Sure in welche Gruppe gehört, beantworten die Quellen allerdings nicht immer gleich. Die Koranzitate auf dieser Seite stammen aus der Lesefassung dieser Website nach der Übersetzung von Max Henning (1901). Als Koran gilt nach islamischem Verständnis nur der arabische Wortlaut.

Was mekkanisch und medinensisch bedeutet

Die Grenze zwischen beiden Gruppen ist die Hidschra, die Übersiedlung Muhammads von Mekka nach Medina im September 622. Mit dem Jahr der Hidschra beginnt die islamische Zeitrechnung [3]. Nach islamischem Glauben empfing Muhammad die Offenbarungen zwischen 610 und 632, zuerst in Mekka und danach in Medina [4].

Ein staubiger Weg führt durch kahle, steinige Hügel auf einen grünen Streifen Palmenhaine am Horizont zu
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Maßgeblich ist der Zeitpunkt. Nöldeke folgte nach eigener Angabe "dem Vorgange der meisten Muslime" und nannte alle Stellen mekkanisch, die vor der Hidschra offenbart wurden, und alle späteren medinisch, "wenn sie auch nicht gerade in Mekka oder Medina selbst entstanden sind" [2]. Ein Beispiel ist Sure 110, die mit den Worten beginnt: "Wenn Allahs Hilfe kommt und der Sieg" (Sure 110,1) [1]. Nach der Übersicht des Projekts Tanzil wurde sie in Mina während der letzten Pilgerfahrt offenbart und gilt trotzdem als medinensisch [5]. Henning schrieb über dieselbe Sure "Geoffenbart zu Mekka" und fügte hinzu, dass andere sie Medina zuordnen [1].

Die Bezeichnung gilt für die Sure als Ganzes. Einzelne Verse können aus der anderen Zeit stammen. Die Tabelle von Tanzil vermerkt bei vielen Suren solche Ausnahmen in einer eigenen Spalte [5], und auch Nöldeke ordnet einzelne Stellen einer anderen Zeit zu als die Sure, in der sie stehen [2].

Wie viele Suren zu jeder Gruppe gehören

Nach der heute üblichen Einteilung, wie sie das Projekt Tanzil in seinen Metadaten zum Koran führt, sind 86 Suren mekkanisch und 28 medinensisch [6]. Medinensisch sind dort die Suren 2, 3, 4, 5, 8, 9, 13, 22, 24, 33, 47, 48, 49, 55, 57 bis 66, 76, 98, 99 und 110 [6]. Nach eigener Rechnung aus denselben Daten stehen in diesen 28 Suren 1.623 der 6.236 Verse, gut ein Viertel des Textes [6]. Die medinensischen Suren häufen sich vorn: Von den ersten neun Suren sind sechs medinensisch, von den 48 Suren 67 bis 114 nur vier (76, 98, 99 und 110) [6].

Ältere Werke zählen anders. Henning nennt bei 21 Suren Medina als Ort (bei Sure 57 mit dem Zusatz "nach andern zu Mekka"), bei sieben weiteren Suren (98, 99, 100, 107, 110, 113 und 114) Mekka mit dem Zusatz "nach andern zu Medina" [1]. Nöldeke rechnet 24 Suren zu Medina [2]. Bei 86 Suren sind sich die heutige Einteilung, Henning und Nöldeke einig, dass sie mekkanisch sind, bei 21 Suren, dass sie medinensisch sind. Sieben Suren ordnen sie verschieden zu (eigener Abgleich der drei Quellen) [1, 2, 6]:

SureHeutige Einteilung (Tanzil)Henning 1901Nöldeke
13MedinaMekkaMekka, dritte Periode
22MedinaMekkaMedina
55MedinaMekkaMekka, erste Periode
76MedinaMekkaMekka, zweite Periode
98MedinaMekka, nach anderen MedinaMedina
99MedinaMekka, nach anderen MedinaMekka, erste Periode
110MedinaMekka, nach anderen MedinaMedina

Ein Beispiel für die Unsicherheit ist Sure 55, die mit "Der Erbarmer / Lehrte den Koran" beginnt (Sure 55,1 bis 2) [1]. Die heutige Einteilung zählt sie zu Medina [6]. Der Kommentar des Corpus Coranicum zu dieser Sure, verfasst von Nicolai Sinai, steht dagegen im Teil über die frühmekkanischen Suren [8].

Merkmale der mekkanischen Suren

Nöldeke glaubte die Suren der frühesten Zeit "mit einiger Sicherheit an ihrem Stil zu erkennen" [2]. Er beschreibt ihre Rede als "großartig, erhaben und voll kühner Bilder" und hebt die kurzen, rhythmisch bewegten Verse hervor [2]. Von den 48 Suren seiner ersten Periode haben nach seiner Zählung 23 weniger als 20 Verse [2].

Schroffe dunkle Berge unter klarem Himmel, tief stehende Sonne und blasser Mond zugleich, lange Schatten im Sand
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Typisch sind für ihn die Schwüre am Anfang vieler Suren. Er zählt sie in der ersten Periode 30 Mal, in den medinensischen Suren nur einmal (Sure 64,7) [2]. Geschworen wird bei Naturdingen wie Sonne, Mond, Tag und Nacht [2]. So beginnt Sure 91: "Bei der Sonne und ihrem Glanz / Und dem Mond, wenn er ihr folgt" (Sure 91,1 bis 2), und Sure 103 mit "Bei dem Nachmittag!" (Sure 103,1) [1]. Nöldeke führt diesen Brauch auf die vorislamischen Wahrsager zurück, die ihre Sprüche mit solchen Schwüren einleiteten [2].

In den späteren mekkanischen Suren wird der Ton nach Nöldeke ruhiger. Die Suren der zweiten Periode sieht er als Übergang "zur größern Ruhe der spätern mehr prosaischen Suren", in denen die Lehre durch "zahlreiche Beispiele aus der Natur und Geschichte" erläutert wird [2]. Dieser Periode widmet er auch einen Abschnitt über den Gottesnamen Rahman [2], den Henning mit "der Erbarmer" wiedergibt [1]. In der dritten Periode werden die Verse nach seiner Beobachtung länger und die Sprache prosaischer, von der poetischen Form bleibe vor allem der Reim [2].

Merkmale der medinensischen Suren

Die medinensischen Offenbarungen enthalten nach Nöldeke "mehr kurze Gesetze, Anreden, Befehle", und ihr Inhalt hängt eng mit der Entwicklung des neuen Gemeinwesens in Medina zusammen [2]. Viele dieser Gesetze sind nach Nöldeke aus einzelnen Entscheidungen über strittige Rechtsfälle hervorgegangen [2]. Er beobachtet auch eine andere Anrede: In Medina wende sich der Text selten an die Menschen im Allgemeinen, häufig dagegen an die Gläubigen [2]. Bei Henning lautet diese Anrede "O ihr, die ihr glaubt", etwa in Sure 2,183: "O ihr, die ihr glaubt, vorgeschrieben ist euch das Fasten" [1]. Ganz fehlt die allgemeine Anrede in medinensischen Suren nicht. Sure 49,13 beginnt mit "O ihr Menschen" [1], und Sure 49 gilt nach allen drei Quellen als medinensisch [1, 2, 6].

Ein von Lehmmauern umgebener Garten mit Dattelpalmen und einem schmalen Bewässerungsgraben in der Mittagssonne
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Die einzelnen Offenbarungen aus Medina waren nach Nöldeke ursprünglich eher kurz. Weil viele von ihnen zu einer Sure zusammengefasst wurden, sind die medinensischen Suren heute die längsten im Koran [2]. Für ihre Datierung ist die Lage besser als in Mekka: Die Ereignisse nach der Hidschra sind in der Überlieferung von Jahr zu Jahr bekannt, sodass sich nach Nöldeke manches in den medinensischen Suren sicher datieren lässt [2].

Nöldekes vier Gruppen

Theodor Nöldeke legte seine Einteilung in der "Geschichte des Qorāns" vor. In der Vorrede zur zweiten Auflage, die sein Schüler Friedrich Schwally 1909 bearbeitete, schreibt er, er habe das Buch "vor einem halben Jahrhundert" verfasst [2]. Er teilt die mekkanischen Suren in drei Perioden und stellt die medinensischen als vierte Gruppe daneben [2]. Seine Reihenfolge innerhalb der Gruppen sieht so aus [2]:

GruppeAnzahlSuren in Nöldekes Reihenfolge
Erste mekkanische Periode4896, 74, 111, 106, 108, 104, 107, 102, 105, 92, 90, 94, 93, 97, 86, 91, 80, 68, 87, 95, 103, 85, 73, 101, 99, 82, 81, 53, 84, 100, 79, 77, 78, 88, 89, 75, 83, 69, 51, 52, 56, 70, 55, 112, 109, 113, 114, 1
Zweite mekkanische Periode2154, 37, 71, 76, 44, 50, 20, 26, 15, 19, 38, 36, 43, 72, 67, 23, 21, 25, 17, 27, 18
Dritte mekkanische Periode2132, 41, 45, 16, 30, 11, 14, 12, 40, 28, 39, 29, 31, 42, 10, 34, 35, 7, 46, 6, 13
Medinensische Suren242, 98, 64, 62, 8, 47, 3, 61, 57, 4, 65, 59, 33, 63, 24, 58, 22, 48, 66, 60, 110, 49, 9, 5

Nöldeke selbst warnte davor, diese Liste als genaue Abfolge zu lesen. Unter den mekkanischen Suren ließen sich zwar einzelne Gruppen ausscheiden, "nicht aber eine im einzelnen irgend genaue chronologische Anordnung" aufstellen [2]. Auch die überlieferten Listen zur Reihenfolge der Suren, einschließlich der auf Ibn Abbas zurückgeführten, hielt er für keine verlässliche Grundlage; eine genaue Überlieferung der Folge der mekkanischen Suren sei "kaum denkbar" [2].

Die Reihenfolge der Offenbarung in der Überlieferung

Muslimische Gelehrte haben eigene Listen zur Reihenfolge der Offenbarung überliefert. Tanzil gibt eine solche Liste nach dem Werk "Die Geschichte des Korans" von Abu Abd Allah az-Zandschani wieder, die auf Überlieferungen des Prophetengefährten Ibn Abbas beruht [5]. Die Reihenfolge richtet sich dort nach den ersten Versen einer Sure [5]. Auf Platz 1 steht Sure 96, ganz am Ende Sure 9 und Sure 110 [6]. Auch Nöldeke beginnt seine erste Periode mit Sure 96 [2].

Die heutige Islamwissenschaft arbeitet weiter mit der Unterscheidung nach Zeitabschnitten. Das Corpus Coranicum der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, eingerichtet 2007, betrachtet den Koran in seinem Kommentar als Sammlung von Einzeltexten, die über etwa zwei Jahrzehnte gewachsen ist [7]. Der Kommentar zu den frühmekkanischen Suren ist dort als eigener Teil erschienen [8].

Wie die Suren im Buch angeordnet sind, erklärt die Seite Aufbau des Korans, wie der Text gesammelt wurde, die Seite Wie der Koran entstand und überliefert wurde. Den Text der Sure, die nach Überlieferung und Forschung am Anfang steht, findest du unter Sure 96, die umstrittene Sure 55 unter Sure 55. Alle Suren mit ihrer Zuordnung stehen in der Übersicht der 114 Suren. Wer mit kurzen mekkanischen Suren beginnen möchte, findet Hinweise unter Den Koran lesen.

  1. Der Koran (Übersetzung Max Henning, Reclam Leipzig 1901), Scan. Internet Archive. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  2. Studie Geschichte des Qorāns, Erster Teil: Über den Ursprung des Qorāns, Vorrede und S. 62 bis 65, 74 bis 76, 117 f., 143 und 171 bis 173. Theodor Nöldeke, 2. Auflage bearbeitet von Friedrich Schwally, Dieterich, Leipzig. Stand 1909. abgerufen am 29.10.2026
  3. Behörde Hijra. Bundeszentrale für politische Bildung (Kleines Islam-Lexikon, 6. Auflage, München 2018). Stand 2018. abgerufen am 29.10.2026
  4. Behörde Koran. Bundeszentrale für politische Bildung (Kleines Islam-Lexikon, 6. Auflage, München 2018). Stand 2018. abgerufen am 29.10.2026
  5. Organisation Revelation Order. Tanzil. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  6. Organisation Quran Metadata (ver 1.0). Tanzil. Stand 2009. abgerufen am 29.10.2026
  7. Organisation Corpus Coranicum. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  8. Studie Sure 55: ar-Raḥmān, "Der Barmherzige" (Chronologisch-literaturwissenschaftlicher Kommentar zum Koran, Teil 1: die frühmekkanischen Suren). Nicolai Sinai, Corpus Coranicum, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften. Stand ohne Datum (Betaversion). abgerufen am 29.10.2026

Zuletzt geprüft am 30.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.